Reaktionen auf die Moderne - Leistungskurs Geschichte 8
Wie erklären sich die Menschen der Moderne ihre immer komplexer werdende Welt? Wie gehen sie mit der Beschleunigung ihres Lebens um?
Wir sprechen heute über folgende Fachbegriffe:
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Fortschrittsoptimismus
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Verunsicherung
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Militarismus
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Antisemitismus
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Radikalnationalismus
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Sozialdarwinismus
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Mittelstandsbewegung
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Dreyfus-Affäre
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Lebensreform
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Klassische Moderne
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich euch dabei helfen, euch verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vorzubereiten. Heute sprechen wir über ambivalente Reaktionen auf die Moderne und ihre Beschleunigung. Da spielt
Fortschrittsoptimismus
zunächst mal der sogenannte Fortschrittsoptimismus und auf der anderen Seite die Verunsicherung durch diesen Fortschritt eine Rolle. Dieser Begriff geht zurück vor allem auf Philipp Sarasane, Schweizer Historiker, der im Wesentlichen die 1970er Jahre als Jahrzehnt der Verunsicherung bezeichnet und die 1960er Jahre als ein Jahrzehnt des Fortschrittsoptimismus.
Verunsicherung
Das hat natürlich mit der 1968er-Revolution zu tun. Dieser Aspekt der Verunsicherung und des Fortschrittsoptimismus, das geht Hand in Hand miteinander, der lässt sich aber auch auf viele andere Epochen der Moderne übertragen oder auf viele andere Abschnitte der Moderne übertragen.
Zum Beispiel kann man das auch im Kaiserreich schon erkennen, dass es einerseits diesen krassen Optimismus auf die Zukunft gerichtet gibt, die Technologie, die Technisierung der Welt, die Leute fasziniert und begeistert, und auf der anderen Seite aber eben auch diese Beschleunigung, die Leute nicht nur nervös macht, sondern regelrecht krank macht zum Teil, dass also diese Verunsicherung durch die Moderne,
die Menschen suchen auch nach Erklärungen für Dinge, die sie sich nicht mehr selbst erklären können, weil die Gesellschaft immer komplexer wird, weil ihr Beruf immer komplexer wird, weil die Welt um sich herum, die Politik immer komplexer wird. Dieses ambivalente Verhältnis von Optimismus und Verunsicherung, das lässt sich eben auf ganz verschiedene Epochen übertragen.
und bei Sarah Seider diese Begriffe vor allem geprägt hat, da geht es natürlich in den 70ern dann eher um die Gedanken zum Beispiel der Ölkrise in den 70ern, den Beginn des Computerzeitalters, den damit verbundenen Verlust vieler Arbeitsplätze, die Erkenntnis, dass die Umwelt in Europa bedroht ist an vielen Stellen durch die Industrialisierung oder die folgende Industrialisierung.
All das verursacht eine Verunsicherung, nachdem die 68er natürlich so einen Aufbruchstendenzen und einen Fortschrittsoptimismus wiederum geborgen haben. Und dieser Wechsel zwischen diesen beiden Aspekten, das ist eben das, was Milieufortschrittsoptimismus auf der einen Seite und Verunsicherung auf der anderen Seite meint.
Eine Reaktion auf diese Verunsicherung, die ist im Kaiserreich insbesondere der
Militarismus
und auf der anderen Seite der
Antisemitismus
. Unter Militarismus verstehen wir, das sagt jetzt das Wort schon, die Dominanz von militärischen Aspekten im Leben, als militärischen Interessen,
militärischen Wertvorstellungen in der Politik, in der Gesellschaft, in allem, was im Alltag einmal so begegnet. Wenn man sich zum Beispiel an Preußen erinnert, das im Wesentlichen als der Inbegriff des militärischen Staates gilt, dann haben wir hier einen Staat, in dem man Platz machen muss, wenn jemand in Uniform einem auf der Straße entgegenkommt, und so was die
Leute gehen in Uniform abends ins Theater, weil das sich so die eigene gesellschaftliche Stellung markiert, weil eben diese Uniform für das Militär steht und das Militär in Preußen eine ganz zentrale, ganz mächtige, ganz dominante Rolle einnimmt. Und in der Folge spielt das Militär dann aber auch in anderen Lebensbereichen eine große Rolle.
Zum Beispiel wird in der Schule ganz massiv auf militärische Werte geachtet werden, militärische Werte, also Hierarchie, Befehl und Gehorsam. Und so diese Arten von Werten werden da vermittelt, was uns heute ganz fremd erscheint, was aber in der Schule des Kaiserreichs durchaus üblich ist, dass der Lehrer
quasi einen Appell durchführt, wenn er die Anwesenheiten der Klasse vorstellt oder sowas. Und das wird mit militärischem Drill im Prinzip verbunden. Einerseits prägt das natürlich die Kinder schon vor in diese Richtung.
Das heißt, die werden schon frühzeitig auf diese militärische Denkweise vorbereitet, werden da im Prinzip auch daran gewöhnt, dass das normal ist. Und auf der anderen Seite ist das natürlich was, was es den Lehrern, die selbst in diesem Umfeld groß geworden sind, die auch selbst vielleicht mit Militär- oder mit hoher Wahrscheinlichkeit
beim Militär waren, auch vertraut ist. Und deswegen für die eine bequeme Möglichkeit ist, sozusagen ihre Schule zu organisieren. Ein modernes Paradebeispiel für Militarismus ist natürlich das aktuelle Russland.
Da kann man sehr viel drüber lesen, wenn man die Tageszeitungen aufschlägt in den letzten ungefähr drei, vier Jahren. Und insbesondere seit Beginn des Ukrainekrieges haben wir in Russland eine ganz starke Militarisierung der Gesellschaft. In den
Schulen wird das ganz verschärft wieder propagiert. Und diese Militarisierung der Gesellschaft ist auch ein Aspekt, der im Westen ganz für besondere Nervosität sorgt, weil natürlich diese Militarisierung ein Volk auch längerfristig indoktriniert in Richtung Militarismus.
Und das ist natürlich was, was die Weltordnung ein Stück weit auch nicht nur für den Moment, nicht nur für diesen Präsidenten, sondern auch längerfristig beunruhigen darf. Eine andere Reaktion auf die Verunsicherung der Moderne ist die Entstehung eines „wissenschaftlichen“ oder „journalistischen“ Antisemitismus. Das heißt, der Antisemitismus,
der schon seit der Antike und durch das Mittelalter hindurch in Europa durchaus vorhanden und verbreitet war, wird nun zu einer scheinbar wissenschaftlichen oder wie auch immer journalistisch geprägten Gattung. Der Antisemitismus bedeutet ja wirklich zunächst mal so etwas wie Judenhass oder Judenfeindlichkeit oder so etwas.
Der wird in den 1880ern durch verschiedene Journalisten gepusht und zum salonfähigen Thema gemacht. Der Begriff entsteht eigentlich aus den Antisemiten selbst. Das heißt, diejenigen, die sich antisemitisch fühlen, prägen diesen Begriff Antisemitismus als Begriff.
für ihre Denkrichtung. Das ist sozusagen, Juden seien ein Problem in irgendeiner Hinsicht, und der Antisemitismus prägt sich dann vor allem dadurch, dass man ganz viele Verschwörungsaspekte bei den Juden sieht, dass man das Gefühl hat, das Judentum stecke hinter ganz vielen Krisen und unerklärlichen Problemen der Welt.
Und das ist deswegen natürlich eben auch ein Versuch, diese Verunsicherung der Moderne zu sich zu erklären, dass man sagt, da gibt es ein Feindbild. Das kennen wir übrigens aus ganz vielen Aspekten der Geschichte. Das Feindbilder zum Erklären von
unerklärlich scheinenden Problemen oder Dingen, die einem selber zu kompliziert sind, ganz praktisch sind. Im Prinzip ist der Antisemitismus aber eigentlich eine uralte Geschichte, denn schon im Prinzip seit der Spätantike haben wir im Christentum eine Tendenz zum Antisemitismus. Das ist
schon ein Stück weit aus religiösen Motiven natürlich entstanden. Der christliche Glaube beruht ja auf der Idee, dass die Juden nicht verstanden haben oder beruht nicht auf die Idee, aber der christliche Glaube suggeriert, dass die Juden nicht verstanden haben, dass der Messias schon da war in Form von Jesus Christus, sondern dass sie immer noch darauf warten, dass er erscheint.
den Christen natürlich blödsinnig, weil aus christlicher Sicht war er schon da und das haben die halt nicht gemerkt. Und damit rechtfertigt man dann die Ausgrenzung und Isolation von Juden in der Gesellschaft. Und das ist natürlich im Mittelalter insbesondere ein großes Thema, weil da
das Christentum unheimlich dominant ist in der Gesellschaft, weil da die katholische Kirche eine sehr, sehr mächtige Rolle einnimmt, die dann eben genau diese Linie durchaus auch vertritt, dass das Judentum natürlich nicht so mitgedacht hatte an der Stelle. Dann gibt es den neuzeitlichen Antisemitismus und damit sind wir dann bei einem, wie gesagt, scheinbar
wissenschaftlichen Antisemitismus, der zunehmend eine biologische Komponente bekommt. Da wird dann mit rassistischen beziehungsweise genetischen Argumenten gearbeitet. Im 19. und
20., im 20. Jahrhundert steckt die Genetik noch absolut in den Kinderschuhen. Man weiß schon, es gibt so etwas wie Gene. Man hat aber noch keine Ahnung davon, wie man die dekodieren könnte,
oder dass man da was auslesen könnte oder so. Da geht es noch weiter, in immer weitere Ferne. Was man aber schon machen kann, ist natürlich, sich Gedanken über Erblichkeit und Erbgut zu machen. Und ein Gedanke, der da immer wieder auftaucht, ist, dass es eine jüdische Rasse gäbe, die in irgendeiner
Weise sich genetisch von den anderen unterscheide. Da werden auch andere Rassen aufgemacht. Da erklärt man sich dann auch Hautfarbe und sowas mit. Aber bei den Juden wird dann ein besonders
negatives genetisches Material gesehen. Da steckt dann so ein bisschen Rassenantisemitismus da drinnen. Das heißt, da ist dann die Idee, dass die jüdische Rasse als Teil der menschlichen Erbgutmasse ein Problem sei, die man dann auslöschen müsste.
Das geht dann ein bisschen in Nationalsozialismus und den Holocaust hinein. Dieser Antisemitismus, der im Kaiserreich da existiert, ist also ein Versuch, über scheinbar wissenschaftliche, wie man sagen kann, pseudowissenschaftliche Methoden, sich den Antisemitismus zurechtzubiegen, den man schon seit der Antike,
seit dem Mittelalter in der Welt hat. Und letztlich ist das ein Versuch, das Salon fähig zu machen in einer Welt, die eben nicht mehr auf Religion beruht, sondern stattdessen auf Wissenschaft oder was sie dafür hält. Im Zusammenhang mit dem Antisemitismus steht
Dreyfus-Affäre
die sogenannte Dreifuss-Affäre. Da geht es um den französischen Hauptmann Alfred Dreifuss, der von einem Kriegsgericht verurteilt wurde wegen angeblichen Landesverrates. Und diese Verurteilung war eigentlich ein Rechtsbruch, oder man kann auch sagen Rechtsirrtum, je nachdem.
wie man das sehen will. Jedenfalls wurde dieses Verfahren rechtsstaatlich äußerst fragwürdig durchgeführt und wurde dann auch, also es ist auch heute klar, dass Dreifuss unschuldig war, dass es einen anderen Täter gab. Aber weil er selber Jude war, vielleicht zumindest deswegen oder
zum Teil deswegen wollten viele Beteiligte an diesem Prozess da eigentlich ein Deckel drauf machen und dieses Urteil so stehen lassen. Und natürlich ist diese Form des Antisemitismus dann ein konkretes Beispiel im Alltag dafür, wie er sich natürlich für die einzelnen Betroffenen auswirken kann.
Wir haben hier also jemanden, der aufgrund seiner Religion, im seines Judeseins benachteiligt wird, ganz offen von großen Teilen der Gesellschaft. Und diese Affäre um Dreifuss zeigt den Menschen diese Ungerechtigkeit, diese hochgradig fragwürdige Rolle des Antisemitismus in der Gesellschaft auf.
Und deswegen ist sie in Frankreich und ein Stück weit auch im Kaiserreich ein ganz heiß diskutiertes, ganz zentrales Thema. Jetzt haben wir eben schon gesagt, im Antisemitismus ist so ein bisschen dieser Gedanke der Genetik angelegt, dass also das Erbmaterial, das da sozusagen im Judentum vorhanden sei, was natürlich wissenschaftlich heute als absoluter Blödsinn abgetan werden muss,
dass das aus der menschlichen Entwicklung so ein Stück weit ausgelöscht werden müsse, um sozusagen die genetische Qualität des Menschen oder des Europäers oder wie auch immer zu stabilisieren oder zu verbessern. Und diese Denkweise, die nennt man den
Sozialdarwinismus
. Darwinismus
kennen wir aus der Biologie, das habt ihr bestimmt mal gemacht, wie die Arten sich entwickeln und dass die gesündesten Tiere überleben und sich fortpflanzen und die anderen sterben aus. Survival of the fittest und so, das kennt man ja. Und das ist eine Übertragung dieses Gedankens auf die
menschliche Genetik und bestimmte Gruppen der Gesellschaft. Dahinter steckt also der Gedanke, dass sich auch bei den Menschen eigentlich nur die durchsetzen, die sozusagen in diesem Kampf ums Überleben, den Sieg davon tragen. Es gibt sozusagen gutes und schlechtes genetisches Material in den
Menschen und diese Auslese der besten Gene, die findet auch bei den Menschen statt. Und das ist natürlich ein Gedanke, der katastrophal ist für die gesellschaftliche Situation derjenigen, die im Blick der anderen ein schlechtes Erbmaterial haben. Und das ist ein Aspekt dessen, was nachher bei den
Nationalsozialisten eben auch wieder dann zum Holocaust führt. Aber das bezieht sich eben dann nicht nur auf das Judentum, sondern das spielt zum Beispiel auch bei psychischen Krankheiten, bei körperlichen Behinderungen und bei klassischen Erbkrankheiten und so weiter eine Rolle, dass hier Menschen im Prinzip das Recht abgesprochen wird zu leben oder sich fortzupflanzen.
Die Nationalsozialisten reagieren darauf zum Beispiel mit Zwangssterilisation, das ist einer der zahlreichen Verbrechen des Nationalsozialismus. Und der soziale Darwinismus ist in diesem Sinne eine scheinbar wissenschaftliche Theorie, die aber letztlich natürlich vollkommene Scheinwissenschaft.
ist. Verwandt damit ist auch der sogenannte
Radikalnationalismus
. Der radikale Nationalismus ist, wie es schon heißt, eine radikale Form des Nationalismus. Nationalismus ist zunächst mal
Nichts, was schlecht sein muss. Nationalismus bedeutet eigentlich nur, dass man für seine gemeinsame ethnische oder kulturelle Gruppe oder Sprachgruppe oder wie auch immer einen gemeinsamen Staat haben will und ist eigentlich der Anfang dessen, was später als geeintes Deutschland existieren wird.
Nationalismus an sich ist also zunächst mal nicht gegen irgendwelche Feinde gerichtet, sondern ist eigentlich eine Befreiungsbewegung weg von den großen Reichen unter irgendwelchen Kaisern und Königen und sozusagen eine Projektion der Herrscher, bestimmt über das Territorium hin. Eine Volksgruppe hat einen gemeinsamen Staat, in dem sie sich selbst verwaltet.
Das ist eigentlich was relativ ein Anführungszeichen modernes. Der radikale Nationalismus dreht das Ganze nun um und sagt, dass die eigene Nation besser ist als die anderen, dass sie überlegen ist.
Und dieser radikale Nationalismus, der ist also dadurch ausgezeichnet, dass er gerade nicht den anderen auch das Recht zuspricht, einen eigenen Staat zu errichten, oder zumindest darauf nicht beruht, sondern im Gegenteil: Der Radikalnationalismus ist völlig intolerant gegenüber anderen Gruppen und will fremde, Anführungszeichen, Dinge aus dem Land fernhalten, will sogenannte Reichsfeinde zum Beispiel aus dem Land jagen oder zumindest unter Kontrolle bringen und so was.
Das heißt, beim Radikalnationalismus geht es darum, dass man ein scheinbares Feindbild in den anderen Nationen sieht und da ein stückweises Wettbewerbsdenken aufbaut. Und damit ist eigentlich der Radikalnationalismus eine Grundlage, auch für das, was später in die Weltkriege münden wird.
Weit weniger radikal und menschenfeindlich ist die
Mittelstandsbewegung
, ein weiterer Versuch in der Moderne und der daraus folgenden Verunsicherung, für ein bisschen Sicherheit zu sorgen. Die Mittelstandsbewegung ist eben eine Bewegung von Angehörigen des Mittelstandes – was auch immer das genau ist, das besprechen wir gleich.
Und diese Mittelstandsbewegung ist dann so eine Art Lobby für zum Beispiel Gesetzgebungsmaßnahmen, um den Mittelstand zu stabilisieren, wirtschaftlich zu schützen, gesellschaftlich zu stützen und so weiter. Was der Mittelstand dann genau ist, darüber kann man sich natürlich streiten.
Das hat natürlich irgendwie mit Geld zu tun, es hat aber auch irgendwie mit Kultur und Vorstellungen von sozialem Verhalten, von Bildung und so weiter zu tun. Das bezieht sich zum Beispiel auf Beamte in unteren Rängen, das bezieht sich auf Handwerker, auf Kleinbauern, das heißt, das sind klassischerweise Berufe, in denen man keine riesigen Summen verdient, in denen man aber auch nicht vollkommen arm ist.
Und im Kaiserreich beginnt diese Art der Mittelstandspolitik, der Mittelstandsbewegung, und die erstreckt sich im Grunde bis heute. Wenn Friedrich Merz natürlich sagt, er sei Teil des Mittelstandes mit einem Vermögen von mehreren Millionen Euro, dann ist das natürlich ein anderes Verständnis von Mittelstand als das eines
hat, der als angestellter Lohnarbeiter für eine Handwerksfirma arbeitet. Das ist klar, ja. Deswegen spricht man auch eigentlich heute nicht vom Mittelstand bei Leuten, die sehr wohlhabend sind, sondern man spricht nach wie vor vom Mittelstand eigentlich bei Leuten, die so im mittleren
Bereich des Einkommensfeldes liegen. Und das sind sicherlich nicht solche, die mehr als 100.000 Euro im Jahr nach Hause tragen. Jetzt haben wir noch einen weiteren Aspekt, wie man auf die Verunsicherung der Moderne reagieren kann.
Und das ist die sogenannte
Lebensreform
und die ist uns bis heute irgendwie vertraut. Die Lebensreform ist ein Begriff für ganz verschiedene Bewegungen, die so seit den 1850er, 60er Jahren, insbesondere in Deutschland, aber auch aus der Schweiz, einen Versuch unternahmen, zurück zur Natur zu kommen.
Da wird so dieses Gefühl verbreitet, dass die Moderne, die industrialisierte Welt, irgendwie nicht natürlich sei. Das sei so ein sehr durchorganisiertes, getaktetes, maschinenbestimmendes, wie auch immer, Leben, das dem Menschen nicht gerecht sei, und wir wollen zurück zur Natur, sozusagen.
so ein bisschen in die Steinzeit. Und ob das jetzt was Modernes ist oder eher was völlig Unmodernes ist, darüber kann man sich dann streiten. Dazu gehören zum Beispiel solche Aspekte wie Naturheilkunde, Pflanzenmedizin, FKK, Freikörperkultur, der Gedanke gesunde Ernährung
zu propagieren. Da gibt es dann das Schlagwort der sogenannten Zivilisationskost, und dazu wurden dann verschiedene Gegenkonzepte entwickelt, zum Beispiel die sogenannte Sonnenlichtnahrung. Auch die Reformpädagogik ist ein Stück weit ein Beispiel dafür. Also der Versuch, die Schule
menschlicher zu machen in Anführungszeichen oder zurück zu den menschlichen Grundinteressen zu führen. Und heutzutage können wir Lebensreformen noch erkennen, zum Beispiel in den sogenannten Reformhäusern. Das sind also Geschäfte, in denen man Zeug kaufen kann, das diesen Prinzipien
folgt. Das hat heute so einen gewissen esoterischen Anstrich, und die Zeitgenossen des Kaiserreichs, die haben das wahrscheinlich nicht so empfunden, sondern für die war das wahrscheinlich was, was durchaus plausibel war. Das war eine durchaus verständliche Reaktion auf diese
durchmodernisierte Welt, in der das Essen in der Dose schon verfügbar war und so was. Und dann hat man gesagt, was ist denn das hier? Wir wollen zurück zu einem ursprünglicheren, sozusagen natürlicheren Lebensstil. Und das ist uns heute irgendwie auch noch vertraut.
Das ist immer wieder in Mode und vielleicht kommt es auch nicht mehr aus der Mode, dass man eben so einen Lebensstil propagiert. Da kann man mit Sicherheit jede Menge Influencer auf TikTok und sonstwo finden, die genauso was propagieren.
All die Aspekte, über die wir heute gesprochen haben, beziehen sich auf die sogenannte
Klassische Moderne
. Das ist eine Epoche, die ungefähr um 1850 beginnt und ungefähr um 1950 endet. Das ist sozusagen das Herzstück der Moderne, wenn man so will, und wird dann später abgelöst durch die sogenannte
Postmoderne. Wann genau diese Epochengrenze stattfindet, da kann man sich sehr gut streiten. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, das Computerzeitalter als den Beginn der Postmoderne anzusehen. Es gibt
aber ganz unterschiedliche Ansätze, je nachdem, was man sonst so interessant findet. Und die klassische Moderne ist dann sozusagen der mittlere, der Kernblock der Moderne. Eben ungefähr 1850 bis 1950, in dem sich die ganz zentralen Entwicklungen der Moderne, also die Hochindustrialisierung und
aber auch die Zwergweltkriege zum Beispiel besprochen. Das ist dann eben die sogenannte klassische Moderne. Wir haben heute über ambivalente Reaktionen auf die Moderne gesprochen, über den Fortschrittsoptimismus auf der einen Seite und die Verunsicherung durch die Moderne auf der anderen Seite. Wir haben über
Militarismus und Antisemitismus gesprochen und über die Dreyfusaffäre, die ein Beispiel für Antisemitismus in Frankreich im 19. Jahrhundert ist. Wir haben über den Radikalnationalismus und den Sozialdarwinismus gesprochen und über die Mittelstandsbewegung auf der anderen Seite,
die Lebensreform, zwei Bewegungen, die auf eine weniger radikal uns erscheinende Weise versuchen, mit der Verunsicherung, die die Moderne ihnen bringt, umzugehen. Das Ganze läuft unter dem Namen „klassische Moderne“, und damit haben wir einen ganz großen Block des Bildungsplans für das erste Halbjahr der Kursstufe in Geschichte besprochen.
Bitte denkt daran, dass ich dabei immer den Bildungsplan von Baden-Württemberg folge, weil ich da Geschichte unterrichte. Die Bildungspläne sind sich zwar überall ähnlich, aber wenn ihr in einem anderen Bundesland lernt, dann werft zur Sicherheit einen Blick auf euren eigenen Bildungsplan, damit ihr immer gut vorbereitet seid.
Wenn euch die Folge gefallen hat oder geholfen hat, dann lasst doch gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast und teilt ihn mit Freunden oder Bekannten, die sich ebenso wie ihr auf Klassenarbeiten oder auf das Abitur vorbereiten. Für mich ist das eine große Motivation, wenn ich sehe, dass Leute die
Podcast anhören. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.