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Wirtschaftskrisen der 1970er - Geschichte Leistungskurs 37

Staffel 1, Folge 37 18.11.2024 00:11:09
Fachbegriffe: das Ende des "Golden Age"die ÖlkriseStagflationSockelarbeitslosigkeitdie Zwei-Drittel-Gesellschaftden Neoliberalismusden Strukturwandel unddie Digitalisierung

Vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre ging es in Europa wirtschaftlich immer nur bergauf - die Ölkrise von 1973 macht dem “Boom” aber ein jähes Ende. Wir sprechen heute über:

  • das Ende des “Golden Age”,

  • die Ölkrise,

  • Stagflation,

  • Sockelarbeitslosigkeit,

  • die Zwei-Drittel-Gesellschaft,

  • den Neoliberalismus,

  • den Strukturwandel und

  • die Digitalisierung.

Wenn wir im Unterricht über Industrialisierung reden, dann geht es meistens um Eisenbahnen, Fabriken, Schwerindustrie und so weiter. Menschen, die vorher von Hand Unterhosen genäht haben, sind plötzlich ihre Jobs los, weil neue Maschinen das viel besser und viel billiger können. Ziemlich im 19. Jahrhundert, aber eigentlich umfasst Industrialisierung ja alle möglichen

Formen von technischem Fortschritt, im Grunde bis heute. Und auch heute noch brechen von jetzt auf gleich ganze Branchen zusammen, weil neue Erfindungen sie überflüssig machen.

den Strukturwandel

Wenn die Strukturen der Wirtschaft sich ganz krass verändern. In den 1970er und 1980er Jahren erlebt Westeuropa große wirtschaftliche und gesellschaftliche

Umbrüche. Einen Strukturwandel. Die Ölkrise, die Stagflation, die Sockelarbeitslosigkeit, aber auch die Digitalisierung, sind eng mit dieser Ära verbunden. Es ist

das Ende des “Golden Age”

einer zeitweit verbreiteten Wohlstands- und Wachstum und große Sicherheit, die in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg andauerte. Wir kommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Schön, dass du dabei bist. Wir starten mit einem Blick zurück.

Die Nachkriegszeit hat Westeuropa ein Goldenes Zeitalter gebracht, ein goldenes Zeitalter wirtschaftlichen Aufschwungs. Du kennst bestimmt schon das Wirtschaftswunder der 1950er, das sozusagen der Start dieses goldenen Zeitalters ist, in dem es vielen Menschen wirtschaftlich ziemlich gut geht und nicht nur in der BRD, sondern auch in vielen Staaten Westeuropas und den USA.

Man ist überzeugt und optimistisch, dass diese Staaten in der Lage sein werden, Krisen, die in der Zukunft vielleicht mal auftreten, souverän zu managen. Aber 1973 kommt

die Ölkrise

als ein Vorbote für das Ende dieses Golden Age. Die Ölkrise von 1973 trifft Westeuropa und die USA ziemlich unvorbereitet. Auslöser ist denn der Ostkonflikt.

Ja genau, dass der, der seit 23 widerständig in der Zeitung steht. Den gibt es tatsächlich schon ein paar Jahrzehnte länger, und er ist auch 1973 eigentlich schon ein alter Hut. Darüber reden wir im vierten Halbjahr nochmal ausführlicher. Jedenfalls haben sich die mächtigen Ölförderstaaten 1960 in der OPEC zusammengeschlossen.

Das sind vor allem arabische Staaten unter der Führung von Saudi-Arabien. Gemeinsam können sie den vom Öl abhängigen Westen politisch unter Druck setzen. 1973 wird Israel von einigen seiner arabischen Nachbarstaaten angegriffen, kommt uns bekannt vor. Das damals ist der sogenannte Jom-Kippur-Krieg.

Weil westliche Staaten, vor allem die USA, Israel finanziell und militärisch unterstützen, setzen die OPEC-Staaten nun ja Öl als politische Waffe ein. Eigentlich gegen Israel, aber letztlich auch gegen den Westen. Sie drosseln die Ölproduktion, sodass weniger Öl auf den Markt gelangt, und lassen dadurch den Ölpreis explodieren.

Plötzlich kosten Benzin und Heizöl ein Vielfaches des üblichen Preises. Das bedeutet für die Bürger und die Staaten im industrialisierten Westen, die davon total abhängig sind, enorme zusätzliche Kosten, mit denen die OPEC-Staaten politische Zugeständnisse im Nahostkonflikt erpressen wollen. In der BRD führt es unter anderem zu gesetzlich festgelegten autofreien Sonntagen, an denen

man eben nicht autofahren darf, um den Benzinverbrauch der Bevölkerung zu verringern. Bilder von diesen leergefegten Autobahnen gehen dann durch die Presse. Diese leeren Straßen werden zum Symbol der Stagnation eines einbrechenden Wirtschaftswachstums. Die Ölkrise ist aber auch nur ein Teil der Krise. Von 1949 bis in die 70er Jahre hinein hatte das Bretton-Woods-System die Wirtschaften

des Westens stabilisiert. Bretton-Woods war eine Währungsordnung, die so heißt, weil sie bei einer Konferenz im Städtchen Bretton-Woods erfunden wurde. Die Grundidee war, extreme Wirtschaftskrisen wie 1929 in Zukunft zu verhindern, weil die ja in Europa den Faschismus den Weg geebnet hatten.

Das kennen wir schon aus der Diskussion um den Kantsianismus, der im Grunde auch nur ein Kind seiner Zeit, seiner Insofern-weimarer Zeit ist und eben diese Beobachtung zum Grundsatz seiner Wirtschaftsidee gemacht hat. Kant ist übrigens auch dabei bei Bretton-Woods. Nun wird also der US-Dollar zur Leitwährung der westlichen Welt.

Die Währungen der Partnerländer orientieren sich am Wert des US-Dollar, und die Staaten sind verpflichtet, ihre Währungen durch staatliche Eingriffe stabil zum US-Dollar zu halten. Kurz gesagt soll dieses System letzten Endes die Gefahr einer Inflation, also einer Geldentwertung, minimieren. Zwischen 1970 und 1973 zeigen sich aber immer mehr Schwächen dieses Systems, und 1973 wird

das System schließlich offiziell außer Kraft gesetzt. Mit einer Mischung aus der Ölkrise und den neuen freien Wechselkursen, die eben durch Bretton Woods jetzt entfesselt sind, entsteht für Europa eine ziemlich giftige Mischung, und zwar

die Stagflation

eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation, das ist also letztlich ein Kofferwort.

Normalerweise entwickeln sich Inflation und Wirtschaftswachstum irgendwie im Verhältnis zueinander. In einer Phase der Stagnation müssten also eigentlich auch die Preise relativ stabil bleiben. In den 1970ern kommt es jedoch anders.

Die Preise steigen auch aufgrund der Ölkrise, die Wirtschaft stagniert und Arbeitsplätze gehen verloren, so dass die Menschen über weniger Geld verfügen, weil sie nicht mehr arbeiten, während viele Dinge immer teurer werden. Weil sich weniger Leute, die teurer werden, in Produkte kaufen können, gehen Firmen pleite, die das nicht mehr verkaufen können, weitere Arbeitsplätze gehen dadurch verloren, und

noch weniger Leute mit noch weniger Jobs können jetzt immer teurer werden, in Produkten nicht mehr kaufen. Und das Ergebnis ist ein wirtschaftlicher Teufelskreis. Neben der Ölkrise und der Stagnation gibt es in den 70er und 80er Jahren natürlich noch einen massiven Strukturwandel.

Westeuropa entwickelt sich zunehmend von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Die Stahl- und die Kohleindustrie verlieren zunehmend an Bedeutung oder wandern ins Ausland ab, wo die Produktion billiger ist. Millionen Arbeitsplätze verschwinden aus den Bergwerken, Stahlwerken und der Textilindustrie. Wer kann, der wird umschulen und einen neuen Beruf erlernen müssen, und wer nicht kann,

der wird zu einem sogenannten Langzeitarbeitslosen. Außerdem kommen nun die erwachsen gewordenen Babyboomer, die super starken Jahrgänge von 1950 bis 1963, nach und nach auf den Arbeitsmarkt. Mit der Folge, dass erheblich mehr Menschen sich um die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Jobs drängen, die dadurch entstehende, anhaltende Arbeitslosigkeit, die auch in phasenwirtschaftlicher

Erholung kaum noch zurückgeht, nennt man bald eine sogenannte

Sockelarbeitslosigkeit

also ein Stück an Arbeitslosigkeit, das kaum mehr unterschritten wird. Anders als in den 1950er oder 60er Jahren, in denen Vollbeschäftigung ein durchaus realistisches Ziel war. Insbesondere für viele Menschen mit geringer Qualifikation, also geringer Bildung, bedeutet

diese Sockelarbeitslosigkeit lässt Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit auf Dauer unerreichbar scheinen. Diese Entwicklungen führen natürlich zu großen Ängsten und gesellschaftlichen Spannungen. Man befürchtet, dass bis zu einem Drittel der Bevölkerung dauerhaft vom wirtschaftlichen

Aufschwung ausgeschlossen bleiben könnte. Während zwei Drittel der Gesellschaft, also dann weiter am Wohlstand teilhaben könnten, könnte das letzte Drittel, bestehend aus den Langzeitarbeitslosen und wirtschaftlich Abgehängten, eine Art neuer Unterschicht ohne jegliche Zukunftsperspektive werden. In diesem Zusammenhang sprechen die Zeitgenossen von einer drohenden

die Zwei-Drittel-Gesellschaft

Einige westliche Staaten, insbesondere Großbritannien und die USA, finden eine Lösung für die Krise in

den Neoliberalismus

einem radikalen Wirtschaftsliberalismus. Im Grunde erleben wir hier eine Gegenbewegung zum Keynesianismus und zum New Deal, also Staatsinterventionen in die Wirtschaft sind im Prinzip aus der Mode gekommen, weil sie die Krisen der 1970er anscheinend nicht lösen konnten.

Der Neoliberalismus propagiert einen schlanken Staat und möglichst wenig Marktregulierung, so ähnlich wie wir das bei Adam Smith schon mal gehört haben, die unsichtbare Hand des Marktes und so, auch wenn das nur der halbe Adam Smith ist. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der US-Präsident Ronald Reagan sind zwei der prominentesten Verfechter dieser Ideologie.

Staatliche Unternehmen werden privatisiert oder geschlossen, Steuern gesenkt, Sozialausgaben gekürzt, die Finanzbranche dereguliert. Diese neoliberale Politik prägt das wirtschaftliche und gesellschaftliche Klima in Großbritannien nachhaltig, es ist kein Zufall, dass London heute einer der weltweiten Hotspots des Investmentbankings ist.

Gegenwehr der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, zum Beispiel die Bergarbeiterstreiks von 1984 gegen die Schließungen vieler Bergwerke, wird teils gewaltsam unterdrückt. Es gibt Einzelfälle, in denen berittene Polizisten streikende Arbeiter förmlich in die Betriebe zurückprügeln. Diesen ungleichen Machtkampf gewinnt die britische Regierung.

Unzählige Betriebe der klassischen Industrie in Großbritannien brechen zusammen, ihre Gewerkschaften bleiben noch auf Jahre ein Schatten ihrer selbst. Bis heute wird Margaret Thatcher in der Arbeit der Schicht Großbritanniens äußerst kritisch gesehen. In Großbritannien gibt es einen Witz über Thatchers Tod, der geht so: Margaret Thatcher ist vor

6 Stunden in der Hölle angekommen, es sind schon 3 Öfen geschlossen worden. Wir haben vorhin schon mal über die Industrialisierung und den Strukturwandel gesprochen, über das Problem, dass technischer Fortschritt immer auch bedeutet, dass ein Berufsfeld automatisiert wird und Menschen, die diese Aufgaben ausgeführt haben, auf einen anderen Beruf umschulen müssen oder ihre Jobs verlieren.

Das klingt nach 19. Jahrhundert, aber mit der Erfindung der Computer erlebt der Westen genau so einen Prozess.

die Digitalisierung

Automatisierung und Computerisierung verändern die Arbeit grundlegend. Maschinen und Computer übernehmen körperliche Aufgaben und die Nachfrage nach qualifizierten

Fachkräften in Elektronik und Datenverarbeitung steigt. Wer eine Tabellenkalkulation an einem Computer benutzen kann, berechnet schneller und genauer und günstiger als selbst der beste Buchhalter, der von Hand gerechnet hat. Diese technologische Entwicklung verstärkt den Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft und bringt Millionen von Arbeitsplätzen in Gefahr.

Im Jahr 2024 bedroht die künstliche Intelligenz wieder unzählige Jobs. Vielleicht kommt schon morgen ein KI-Aufrundtruck auf den Markt, der billiger, verständlicher und effektiver Geschichte unterrichten kann als ich. Dann habe auch ich eigentlich nur zwei Möglichkeiten: auf KI-Spezialist umschulen oder unter die Räder des Strukturwandels kommen.

Wir haben heute über das Ende der Skolden Age gesprochen, das erst von der Ölkrise, dann von Stagflation und Sockelarbeitslosigkeit eingeläutet wird und in einen tief greifenden Strukturwandel mündet. Wir haben über das Schreckgespenst der Drei-Zwei-Drittel-Gesellschaft gesprochen und über den Neoliberalismus, mit dem die Briten und Amerikaner diesen Krisen begegnen wollten.

Zuletzt haben wir über den Beginn der Digitalisierung gesprochen, die unsere Welt bis weit in die Zukunft durch immer neue technologische Neuerungen verändern wird. Diese Begriffe sind Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr der Kursstufe in Geschichte. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, dann lasst gerne einen Kommentar da.

Für mich sind die eine große Motivation. Ich freue mich sehr darüber und danke euch fürs Zuhören. Bleibt mir rein!