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Krise des Ostblocks - Geschichte Leistungskurs 39

Staffel 1, Folge 39 02.12.2024 00:14:50
Fachbegriffe: den Strukturwandeldas Innovationsdefizitdie Staatsverschuldungden Rüstungswettlaufdie Versorgungskrisedie Umweltverschmutzungdie Legitimitätskrisedie EntspannungspolitikPerestroika undGlasnost

Heute sprechen wir bei geschichtslehrer.net über

  • den Strukturwandel,

  • das Innovationsdefizit,

  • die Staatsverschuldung,

  • den Rüstungswettlauf,

  • die Versorgungskrise,

  • die Umweltverschmutzung,

  • die Legitimitätskrise,

  • die Entspannungspolitik,

  • Perestroika und

  • Glasnost.

Niemand rechnet im Sommer 1989 damit, dass die Sowjetunion in wenigen Monaten zusammenbrechen wird. Der kalte Krieg mit seinem Gegensatz zwischen sozialistischem Osten und liberalem Westen hält weiter an, auch wenn die Zeichen seit einiger Zeit auf Entspannung stehen. Aber ein Auf und Ab von Entspannungsphasen und Verschärfungen sind die Leute seit 50

Jahren gewöhnt. Ein Ende ist eigentlich nicht in Sicht. Und doch kriselt es im Osten schon seit geraumer Zeit, wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. In zwei Folgen gehen wir der Frage nach, warum der Ostblock im Herbst 1989 zerbrach.

In dieser ersten Folge widmen wir uns heute den inneren Problemen des Ostblocks, um die Reformversuche, die ab den 1980er Jahren das System zu verändern versuchten. Heute kümmern wir uns um den Strukturwandel, das Innovationsdefizit, die Staatsverschuldung, den Rüstungswettlauf, die Versorgungskrisen, die Umweltverschmutzung, die Entspannungspolitik und Gorbatschows Perestroika und Glasnost.

den Strukturwandel

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vor. Schön, dass du dabei bist. Die Planwirtschaft der Ostblockstaaten war auf industrielle Massenproduktion ausgelegt.

Marx und Engels, die Erfinder des Kommunismus, hatten um das Jahr 1850 im Zeitalter der Industrialisierung gelebt und in diesem Kontext auch den Kommunismus entwickelt. Dieser ideologische Fokus auf industrielle Massenproduktion entsprach also den wirtschaftlichen Bedingungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Jahrhunderts, aber die Zeiten hatten sich seitdem ziemlich geändert. Der Strukturwandel in den 1970er und 1980er Jahren veränderte die globale Wirtschaft. Technische Innovationen, Dienstleistungen und Informationen wurden zu den treibenden Kräften des Fortschritts, und die beginnende Automatisierung und Digitalisierung verschob immer mehr Arbeitsplätze weg von der Industrie hin zu Dienstleistungen im Büro oder Managementjobs oder in technischen

Berufen. Diese Transformation gelang im Westen quasi automatisch, weil der Markt das im Wesentlichen durch natürliche Kräfte von Angebot und Nachfrage regelt, während sie in sozialistischen Staaten mit ihrer wissenschaftlich vorausberechneten Planwirtschaft nicht funktionierte.

das Innovationsdefizit

Das Ergebnis war, dass neue innovative Technologien und Entwicklungen im Osten keine Chance hatten, ein sogenanntes Innovationsdefizit. Die veraltete Technik und das Fehlen von Wettbewerb bremsten die Entwicklung moderner Produkte und Technologien aus. Das kann man wunderbar an der Computerindustrie festmachen.

Der amerikanische CPU-Gigant Intel, den wir heute noch kennen, brachte 1971 den ersten Mikroprozessor heraus. Jahr um Jahr wurden diese Prozessoren immer besser und immer schneller. Der Ostblock schaute zu und versuchte, die amerikanischen Entwicklungen zu kopieren. Das Tempo konnte man so natürlich nicht mitgehen, weil man in der Entwicklung immer ein, zwei Jahre hinterher war.

drei, vier Jahre hinterher hing. Die Produktion der kleinen Computer im Ostblock lief schleppend an, lief dem besten also technisch um Jahre hinterher, und weil die Produkte auf dem Weltmarkt im Grunde wertlos waren, weil die Amerikaner ja so viel besser waren, lohnten sich die Investitionen, die der Staat in diese Entwicklung pumpte, nicht.

Die Robotron-PCs, die in der DDR ab 1985 in größeren Stückzahlen produziert wurden, waren dermaßen teuer, dass sie fast nur vom Staat selbst eingesetzt wurden. Und diese Preise spiegelten nicht einmal die realen Kosten wider, denn die Millionen, die der Staat in die Entwicklung dieser CPUs gesteckt hatte, wurden dadurch nicht aufgewogen. Die Forschungsgelder waren letztlich verpulvert.

Die Computerbranche der DDR war deshalb wie auch viele andere Branchen der DDR-Wirtschaft ein Verlustgeschäft, wenn auch ein besonders krasses. Um den Lebensstandard und die Wirtschaft am Laufen zu halten, verschuldeten sich die Ostblock-Staaten, stattdessen zunehmend bei westlichen Kreditgebern. Aber das Geld floss dann meistens in völlig ineffiziente Unternehmen oder in die Produktion.

die Staatsverschuldung

längst veralteter Produkte, etwa wie uralter Mikroprozessoren, die seit fünf Jahren überholt waren oder in den Erhalt längst veralteter Produktionstechniken. Gleichzeitig führte die Ineffizienz der wissenschaftlich, in Anführungszeichen, wissenschaftlich vorausberechneten Planwirtschaft dazu, dass es etliche Produkte gar nicht zu kaufen gab.

die Versorgungskrise

Das führte zu einer Reihe von Versorgungskrisen: leere Regale, lange Schlangen vor den Geschäften und ein Mangel an Grundgütern prägten den Alltag. Das kann man schön an der Kaffeekrise von 1977 zeigen. Auf dem Weltmarkt war Kaffee damals so teuer, dass die DDR sich den Import nicht mehr leisten konnte oder wollte.

Stattdessen kreierte die Regierung ein Mischkaffee, der nur zur Hälfte aus echtem Kaffee bestand, und verdoppelte dafür die Preise, und das war immer noch ein Verlustgeschäft für den Staat. Echten Kaffee gab es in der Zeit dann nicht mehr zu kaufen, weil die DDR eben keinen importierte. Zugleich förderten diese wissenschaftlich in Anführungszeichen berechneten Preise die

Verschwendung billiger Lebensmittel, das heißt, wenn der Staat bestimmte Lebensmittel als besonders billig zu verkaufen deklariert hatte, dann war es möglich, mit denen Verschwendung zu treiben, weil die billiger waren als manche andere Sachen. Z.B. war Brot in der DDR super billig und zwar so billig, dass es sich lohnte, seine Tiere

mit frischen Brot zu füttern, weil Tierfutter viel teurer war. Andere Produkte wurden zwar in der DDR hergestellt, aber im Ausland verkauft, um die Devisen zu schaffen, also Geld aus anderen Währungen zu bekommen, das man dann für andere Zwecke einsetzen konnte, z.B. um irgendetwas zu importieren.

Dass die DDR immer wieder Kredite bei anderen Staaten aufnahm, die man wegen der miserablen wirtschaftlichen Lage nicht mehr zurückzahlen konnte, führte zu einer immer weiter steigenden Staatsverschuldung. Wir gucken uns mal ein paar Zahlen an, um das klarzumachen. Die DDR nahm in ihren letzten Jahren umgerechnet immer ungefähr um die 6 Milliarden US-Dollar pro Jahr ein, aber sie gab gleichzeitig 18 Milliarden US-Dollar aus. Wenn das einem Unternehmen passieren würde, dann würde dem kein Mensch mehr Geld leihen.

und deshalb macht die DDR aus ihrer Zahlungsbilanz auch ein echtes Staatsgeheimnis. Damit eben keiner weiß, dass jeder Kredit, den man der DDR gibt, eigentlich verschenktes Geld ist. 1989, also kurz vor ihrem Ende, hatte die DDR um die 20 Milliarden deutsche Mark Schulden, eine Westmark Schulden bei westlichen Staaten, und sie hatte noch mal um die 30 Milliarden

Westmark umgerechnet Schulden innerhalb des Ostblocks. Das entspricht heute inflationsbereinigt ungefähr 25 Milliarden Euro Schulden.

die Umweltverschmutzung

Auch die Umweltverschmutzung wurde zu einem sichtbaren Zeichen des Systemversagens. Die katastrophalen Folgen der Explosion des Atomreaktors von Chernobyl 1986, das Austrocknen des Aralsees und giftige Emissionen der Schwerindustrie führten nicht nur zu Umweltschäden, sondern

sie beschädigten auch das Vertrauen in die sowjetische sozialistische Planung. Den Supergau von Tschernobyl, den wollte die sowjetische Führung zum Beispiel einfach unter den Teppich kehren und setzte durch ihre Geheimhaltung letztlich Millionen von Menschen im Ostblock radioaktiver Strahlung aus. Ein solches Menschenverachten im Krisenmanagement, wenn man das überhaupt so nennen kann, hinterlässt

natürlich dann Spuren im politischen Denken der Bevölkerung, sobald das rauskommt. Neben den internen Herausforderungen wuchs auch der Druck von außen.

den Rüstungswettlauf

Ein zentraler Faktor war der Rüstungswettlauf mit den USA. Vor allem unter Präsident Reagan wurden massive Investitionen in neue Waffensysteme getätigt. Die Sowjetunion konnte mit diesen Ausgaben aber nicht mithalten.

Die Erkenntnis, dass dieser Rüstungswettlauf nicht zu gewinnen war, führte in der Sowjetunion zu einem Strategiewechsel. Man wollte nicht mehr auf Konfrontation, sondern auf Entspannung in der Außenpolitik zielen.

die Entspannungspolitik

Die Entspannungspolitik ab den 1980er-Jahren brachte die beiden Blöcke dann in kleinen Schritten tatsächlich näher zusammen.

Der Helsinki-Prozess, der so heißt, weil er auf einen in Helsinki geschlossenen Vertrag zurückgeht, brachte erste vorsichtige Annäherungen. Der Helsinki-Prozess wird auch als KSZE-Prozess bezeichnet. Dieses KSZE steht für Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, und das war eben das Thema, um das es in Helsinki gegangen war.

Eine Deeskalation des Wettrüstens war durchaus im Interesse der Sowjetunion, weil sie wirtschaftlich nicht fähig war, mit dem Westen mitzuhalten. Die enormen Militärausgaben der atomaren Rüstung gingen nämlich auf die Kosten ziviler Investitionen, und wenn zu viel Geld in Rüstung fließt und zu wenig in den Bau von Wohnungen oder Kindergärten, Schulen, Konsumgütern, werden die Leute unzufrieden.

Schon von Nikita Chruschtschow, Gorbatschows Vorvorvorgänger, gibt es da das denkwürdige Zitat „Raketen sind keine Gurken“, mit dem er im Prinzip illustrieren wollte, dass militärische Rüstung letztlich Geld ist, von dem die Leute nichts haben, wohingegen wenn man davon Gurken baut, dann kann man die essen. Gorbatschow wiederum erkannte, dass ein Ende des Wettrüstens nötig war, um letztlich den

Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft abzuwenden. Im Zusammenhang mit dieser Politik fallen immer wieder zwei Schlagwörter, nämlich Perestroika und Glasnost.

Perestroika und

Glasnost

Perestroika auf Russisch bedeutet der Umbau und das war Gorbatschows Programm für die Wirtschaft.

Die Perestroika zielte darauf ab, die ineffiziente sowjetische Wirtschaft umzubauen, zu modernisieren, zu reformieren. Es sollten marktwirtschaftliche Elemente eingeführt werden, aber gleichzeitig wollte die kommunistische Partei weiter die Kontrolle behalten. Im Grunde ist das ein Widerspruch, der kaum aufzulösen ist.

Glasnost, die Offenheit, war Gorbatschows Programm für eine menschlichere, offenere Gesellschaft im Sozialismus. Glasnost ist der eigentliche Kracher hier. Bei der Perestroika ging es darum, den Leuten etwas mehr wirtschaftliche Freiheit zuzugestehen, aber bei Glasnost geht es darum, ganz allgemein mehr Freiheit zu gewähren, gesellschaftliche

Freiheit zu gewähren. Da geht es zum Beispiel um Transparenz bei politischen Prozessen, um Meinungsfreiheit und um eine insgesamt offene Gesellschaft, in der man sich über alles Mögliche kritisch äußern darf, also auch über Politik, also auch über die Partei. Plötzlich durften also Medien über Umweltprobleme berichten, über Korruption, über historische

Verbrechen Stalins gegenüber den anderen Kommunisten. Eigentlich war die Idee, den Sozialismus auf diese Weise menschlicher und moderner zu machen und auch sein Ansehen in der Bevölkerung, seine Akzeptanz, zu verbessern. Aber im Ergebnis hat diese Offenheit das System wahrscheinlich eher beschädigt, weil nämlich Kritik am System dadurch immer lauter wurde und werden durfte.

Immer mehr Menschen fingen also an, sich zu fragen, mit welcher Berechtigung ihr Staat von den Kommunisten beherrscht wurde, die – das durfte man jetzt ja auch offen sagen – gewaltsam an die Macht gekommen waren, unzählige Verbrechen begangen, Wahlen gefälscht hatten und vieles mehr. Neben den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen war vielleicht genau das der entscheidende

die Legitimitätskrise

Schwachpunkt des späten Sozialismus ist, dass die Menschen ihn jetzt mehr und mehr für ein Unrechtsregime hielten, dass seine Legitimität angezweifelt wurde. Wir nennen das eine Legitimitätskrise. Legitimität ist die Grundlage, auf der ein politisches System von den Menschen akzeptiert wird.

Man könnte das mit Rechtfertigung oder Rechtmäßigkeit übersetzen. Wenn ich zum Beispiel finde, dass demokratische Wahlen ein gutes Werkzeug sind, um Regierungen zu bestimmen, und wenn die Regierung nach der Wahl dann das tut, was sie vorher versprochen hat, und ich das für richtig halte und ich sie dafür gewählt habe, dann bin ich mit dem Handeln der Regierung zufrieden, und dann halte ich ihre Herrschaft für gerechtfertigt.

für legitim. Im Ostblock beruhte die Legitimität der kommunistischen Herrschaft auf der Idee, dass der Sozialismus eine gerechtere Gesellschaft schaffen würde, eine bessere Gesellschaft schaffen würde. Im Gegensatz zum Kapitalismus, der als ausbeuterisch und verbrecherisch galt. Diese Rechtfertigung klappt natürlich dann aber nur, wenn die Menschen diese Gesellschaft

auch wirklich für gut und gerecht halten. Und ein zentrales Problem dabei war die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die kommunistischen Parteien versprachen Gleichheit und Wohlstand und Fortschritt, aber in der Realität sah das anders aus. Der Mangel an Freiheiten, die Versorgungskrisen und die Umweltzerstörung widersprachen diesen

Versprechen. Besonders in den 1980er Jahren wurde für viele Menschen im Osten klar, dass der Sozialismus eben nicht in der Lage war, mit den westlichen Demokratien und Marktwirtschaften mitzuhalten. Die Propaganda des Staats, die diese Ideale weiter pries, wirkte dadurch immer unglaubwürdiger.

Die Menschen erlebten die Mängel des Systems jeden Tag, ob bei den leeren Regalen in Kaufhäusern und Geschäften, bei maroden Wohnhäusern oder durch politische Repression, also durch politische Unterdrückung. Gleichzeitig hatten sie durch technologischen Fortschritt, zum Beispiel die Möglichkeit, Westfernsehen zu gucken, oder eben auch durch informelle Netzwerke, weil sie Leute kannten,

die, die aus dem Westen wussten, zunehmend besseren Zugang zu Informationen darüber, wie das Leben im Westen aussieht. Und der Vergleich war dann relativ enttäuschend. Hinzu kam, dass immer mehr die Führung der Partei für Korruption anfällig war, die Parteieliten der SED oder der KPD, die lebten oft privilegiert, während die breite Bevölkerung mit den

Schwierigkeiten des Alltags zu kämpfen hatte, also zum Beispiel mit Versorgungsengpässen. Auch die Machtzentralisierung und das Fehlen von demokratischen Mechanismen führte dazu, dass die Bürger das System nicht mehr als ihre eigene Ordnung ansahen, sondern als eine, die ihnen von anderen aufgezwungen wurde. Ein weiterer Schlüsselfaktor war die Offenheit, die Gorbatschows Glasnost mit sich brachte.

Plötzlich konnten die Menschen öffentlich über Themen sprechen, die zuvor tabu gewesen waren. Und diese Offenheit, die stärkte natürlich die kritischen Stimmen, die schon lange das Gefühl hatten, dass das System reformiert oder vielleicht sogar abgeschafft werden müsste. Am Ende war diese Legitimitätskrise also ein ganz wichtiger Punkt für die politischen

Umwälzungen. Ohne Vertrauen der Bevölkerung war das System nicht mehr stabil, es wurde nur durch letztlich staatliche Gewalt aufrechterhalten. Die Bürgerbewegungen und die Revolutionen, die schließlich zum Zerfall des Ostblocks führten, bauten genau auf diesem Vertrauensverlust auf.

Die Menschen hatten die Hoffnung auf eine Reformierbarkeit des Systems verloren und forderten stattdessen einen kompletten Neuanfang, eine Abschaffung des alten Systems. Wir haben heute die Begriffe Strukturwandel, Innovationsdefizit, Staatsverschuldung, Rüstungswettlauf, Versorgungskrise, Umweltverschmutzung, Legitimitätskrise, Entspannungspolitik, Perestroika und Glasnost besprochen.

Diesen Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr der Kursstufe in Geschichte. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, lasst gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast und teilt ihn mit Freunden und Bekannten. Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu. Copyright WDR 2021