Shownotes

Im Sommer 1945 liegt Europa und insbesondere auch Deutschland in Trümmern - physisch, gesellschaftlich, moralisch. Wie kann es weitergehen, und wie erinnert man sich damals und heute an das so katastrophal untergegangene "Dritte Reich"? Wir sprechen heute über:

  • Ausgangssituation in Europa 1945,

  • Zusammenbruchsgesellschaft,

  • Flucht und Vertreibung

Transkript

Erinnerungskultur und der 9. November in der deutschen Geschichte

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich euch dabei helfen, euch fachlich fundiert und unterhaltsam auf das Abitur und Klassenarbeiten im Fach Geschichte vorzubereiten.

Im Schuljahr 23-24 habe ich gemeinsam mit einem Kollegen den Seminarkurs 9. November in der deutschen Geschichte angeboten. Der 9. November ist ein Datum, das an vielen Stellen der deutschen Geschichte auftaucht. Das hat zum Teil ganz bewusste Gründe, zum Teil ist es Zufall. Bis heute ist es kein nationaler Feiertag und auch kein nationaler Gedenktag. Das ist erstaunlich, denn an diesem Tag passieren eine ganze Reihe prägender und wichtiger Ereignisse. Um das zu hinterfragen, schauen wir uns zunächst an, was Erinnerungskultur bedeutet, welche Rolle Feiertage spielen und welche 9. November der deutschen Geschichte besonders wichtig wären.

Was ist Erinnerungskultur?

Wie erinnern sich Menschen an geschichtliche Ereignisse? Wie wählt man die historischen Ereignisse aus, an die man öffentlich erinnert, zum Beispiel in Form von Feier- oder Gedenktagen? Welche Bedeutung hat Erinnerungskultur für die nationale Identität eines Staates, und wie sieht es in Deutschland aus?

Das prägendste Ereignis der deutschen Erinnerungskultur ist der Holocaust, das alles überschattende Menschheitsverbrechen dieses Staates. Wie die Erinnerung daran konkret aussieht, hängt von der Perspektive des Betrachters ab – das nennt man Multiperspektivität der Geschichte. Diese Sichtweise wird geprägt durch den eigenen Lebensort, die Zeit, die soziale Schicht, Bildung, Herkunft und ob man selbst oder Familienangehörige in die Ereignisse verstrickt waren. Auch der zeitliche Abstand spielt eine große Rolle.

Wer Zeitzeuge des Nationalsozialismus war, hatte oft positive Erinnerungen an das System, weil die gleichgeschaltete Bildung und Presse die Menschen über zwölf Jahre stark prägten. Viele erlebten die negativen Aspekte nicht am eigenen Leib – etwa wenn sie nicht in zerbombten Städten lebten oder keine Angehörigen im Krieg verloren. Aus ihrer Sicht wirkte Widerstand gegen den Nationalsozialismus wie Verrat am Vaterland, und der Sieg der Alliierten wurde als katastrophale Niederlage empfunden.

Heute betrachten wir diese Verbrechen anders, weil wir nicht mehr direkt im Nationalsozialismus lebten. Die positiven Aspekte wiegen für uns kaum noch, während der Weltkrieg und die Verbrechen des Holocaust viel präsenter sind. Widerstandskämpfer gelten heute als Helden, etwa durch Filme über das Stauffenberg-Attentat. Die Kapitulation des Dritten Reichs feiern wir als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.

Staaten können Erinnerungskultur durch Gedenk- und Feiertage oder Denkmäler beeinflussen. Beispiele sind das Holocaust-Denkmal in Berlin oder Stolpersteine vor Häusern von Opfern. Umstritten ist auch der Begriff Reichskristallnacht für die Novemberpogrome 1938, der heute durch Reichspogromnacht ersetzt wird – ein Beispiel für sich wandelnde Erinnerung.

Der 9. November 1918: Novemberrevolution und Gründung der Weimarer Republik

Der 9. November 1918 markiert das Ende des Ersten Weltkriegs für Deutschland. Obwohl die Propaganda noch Sieg verkündete, war die Niederlage absehbar. Das Kaiserreich hatte den Krieg begonnen und verlor damit seine Legitimität.

An diesem Tag riefen zwei Politiker in Berlin das Ende des Kaiserreichs aus: Philipp Scheidemann (SPD) proklamierte eine liberale Demokratie nach westlichem Vorbild, während Karl Liebknecht (USPD/KPD) eine Rätedemokratie nach sowjetischem Muster forderte. Am Ende setzte sich die liberale Demokratie durch – die Weimarer Republik war geboren.

Dieser Tag wäre ein passender Gedenktag für ein urdemokratisches Ereignis gewesen. In der Weimarer Republik wurde er zeitweise diskutiert, doch die politische Rechte instrumentalisierte ihn schnell als „Dolchstoß“ gegen das Kaiserreich. Sie diffamierte die Revolutionäre als „Novemberverbrecher“ und sehnte sich nach einem starken Führer.

Besonders in Bayern, das sich als „Ordnungszelle Deutschlands“ sah, fanden rechte Extremisten Schutz. Hier entstand eine massive rechte Szene, die in München ihren Schwerpunkt hatte. Für Hitler und die Nationalsozialisten wurde der 9. November zum Trauertag über das verlorene Kaiserreich und zum Aufruf, die Demokratie zu beseitigen.

Der 9. November 1923: Der Hitler-Putsch

Am 8. November 1923 überfiel Adolf Hitler mit bewaffneten SA-Männern eine politische Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller. Er zwang die anwesenden Politiker, darunter den bayerischen Diktator Gustav von Kahr, sich zu einem Putsch gegen die Berliner Regierung zu bekennen. Doch als man die Geiseln freiließ, zogen diese ihre Unterstützung zurück.

Am nächsten Morgen marschierte Hitler mit seinen Anhängern planlos durch München, in der Hoffnung, die Reichswehr würde sich anschließen. Stattdessen schoss die Polizei auf die Gruppe. Vier Polizisten und 15 Nationalsozialisten starben. Letztere wurden später als „Blutzeugen“ mythisch verklärt – ihre „Blutfahne“ wurde zu einer Art Reliquie.

Nach der Machtübernahme 1933 wurde der 9. November zum NS-Feiertag. Die Partei elite traf sich jährlich zu Fackelzügen und Hitler-Reden an der Feldherrenhalle. Hitler hatte den Tag damit für die Nationalsozialisten vereinnahmt.

Der 9. November 1938: Die Novemberpogrome

1938 nutzte Propagandaminister Joseph Goebbels den 9. November, um eine Hetzjagd gegen Juden anzustacheln. Parteiführer wurden angewiesen, den „Volkszorn“ zuzulassen. In ganz Deutschland wurden Synagogen angezündet, Juden misshandelt und Geschäfte zerstört.

Die Pogrome wurden mit dem Attentat eines Juden auf einen deutschen Diplomaten begründet, doch in Wahrheit war es staatlich organisierte Gewalt. Viele Deutsche waren entsetzt, doch die NS-Führung feierte die Ausschreitungen. Der Begriff Reichskristallnacht – später kritisiert, weil er die Gewalt verharmloste – wurde durch Reichspogromnacht ersetzt.

Der 8./9. November 1939: Georg Elsers Attentat auf Hitler

Georg Elser, ein Schreiner und Hitler-Gegner, plante ein Bombenattentat auf die NS-Führung während ihrer jährlichen Gedenkfeier im Bürgerbräukeller. Er wollte Deutschland vor dem Krieg bewahren, den er kommen sah. Doch Hitler verließ den Saal früher als geplant, und die Bombe tötete nur wenige.

Elser wurde verhaftet, gefoltert und in Konzentrationslager gebracht. Kurz vor Kriegsende wurde er auf Hitlers Befehl ermordet. Die Nationalsozialisten behaupteten, er sei ein britischer Agent. In der Bevölkerung galt er lange als Verbrecher – erst nach 2000 wurde er als Widerstandskämpfer rehabilitiert.

Der 9. November 1989: Der Mauerfall

Am 9. November 1989 verkündete SED-Funktionär Günter Schabowski versehentlich, dass DDR-Bürger sofort ausreisen dürften. Tausende strömten zur Berliner Mauer, und die überforderten Grenzsoldaten öffneten die Übergänge. Die Bilder feiernder Menschen auf der Mauer gingen um die Welt.

Für die DDR war der Mauerfall ein PR-Desaster: Er zeigte, dass die Bürger fliehen wollten – ein System, das sich als überlegen darstellte, war gescheitert. Die Sowjetunion überlebte den Prestigeverlust nur wenige Monate.

Obwohl der 9. November emotional der stärkere Tag für die deutsche Einheit gewesen wäre, wurde der 3. Oktober als Nationalfeiertag gewählt. Der Grund: Der 9. November ist mit zu vielen negativen Ereignissen verbunden, insbesondere der Reichspogromnacht.

Warum ist der 9. November kein Feiertag?

Feiertage verraten viel darüber, wie sich ein Land selbst sieht. Der 9. November vereint demokratische und diktatorische Momente: die Ausrufung der Weimarer Republik, den Hitler-Putsch, die Novemberpogrome, Elsers Attentat und den Mauerfall. Diese Ereignisse reagieren direkt aufeinander – Hitlers Hass auf die Revolution von 1918 prägte seinen Putsch, der wiederum die Pogrome auslöste.

Die Entscheidung gegen den 9. November als Feiertag zeigt, wie politisch Erinnerungskultur ist. Sie ist kein Zufall, sondern Ergebnis bewusster Deutungen. Der 9. November bleibt damit ein Symbol für die Komplexität deutscher Geschichte – zwischen Demokratie und Diktatur, Hoffnung und Verbrechen.