Shownotes

In dieser Folge geht es um:

  • Unternehmer
  • Arbeiter
  • Klassengesellschaft
  • Soziale Frage
  • Kommunismus
  • Sozialdemokratie
  • Gewerkschaften
  • Sozialgesetzgebung

Transkript

Wirtschaftsliberalismus und die Abschaffung der Zünfte

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und heute geht es um das lange 19. Jahrhundert. Wir beginnen mit dem Wirtschaftsliberalismus.

Stellt euch vor, ihr habt eine gute Geschäftsidee und wollt ein Business starten. Doch es gibt hunderte von Gesetzen und Regeln, die vorschreiben, was erlaubt ist und was nicht. Sie bestimmen, dass ihr alles genauso machen müsst wie alle anderen. Was ist dann mit eurer tollen Idee? Sie lässt sich nicht umsetzen, sonst kommt die Polizei.

Genau das war das Problem vor der Industrialisierung. Die Zünfte regelten genau, welche Produkte wie hergestellt werden durften und zu welchem Preis sie verkauft werden konnten. Neue Ideen und Erfindungen waren darin nicht vorgesehen – und auch nicht erlaubt. Das bremste jeden Fortschritt aus.

Um 1770 entwickelte der schottische Wissenschaftler Adam Smith eine Idee: den Wirtschaftsliberalismus. Liberalismus bedeutet Freiheit – ein Begriff, den ihr aus früheren Folgen bereits kennt. Das Motto des Wirtschaftsliberalismus lautet: Lasst die Leute einfach machen. Wenn der Staat sich heraushält, regeln Angebot und Nachfrage den Rest. Man nennt das auch laissez-faire – machen lassen.

Die Grundidee ist simpel: Jeder möchte für möglichst wenig Geld möglichst viel bekommen. Die Menschen kaufen daher automatisch das beste Produkt, denn sie sind nicht dumm. Wenn jemand eine bessere oder günstigere Methode entwickelt, um Stricksocken herzustellen, werden die Leute diese Socken kaufen. Andere Sockenhersteller müssen dann nachziehen, sonst kauft niemand mehr ihre Produkte. So wird die Wirtschaft mit der Zeit immer besser und günstiger.

Adam Smith beschrieb diesen Mechanismus mit dem Bild der unsichtbaren Hand des Marktes. Der Markt funktioniert demnach von allein, wenn man ihn nicht durch Regeln und Verbote wie die der Zünfte einschränkt. Das war der Startschuss für den Wettbewerb in der Wirtschaft: Firmen versuchen, besser zu sein als die Konkurrenz.

Man könnte sagen, dass die ständige Verbesserung von Produkten – etwa bei Smartphones von Samsung, Xiaomi oder Apple – auf Adam Smith und seinen Wirtschaftsliberalismus zurückgeht. Diese Ideen brachten die Frühindustrialisierung nach Deutschland.

Von der Agrargesellschaft zur Frühindustrialisierung

Wenn wir ins Mittelalter zurückblicken, fand die Wirtschaft in Deutschland fast ausschließlich auf dem Land statt. Wir sprechen von einer Agrargesellschaft, einer Bauerngesellschaft, in der jeder für sich selbst genug Nahrung und Güter produzierte.

In der Frühindustrialisierung, um 1800, begannen die Menschen, Überschüsse zu produzieren – mehr, als sie selbst benötigten. Das wurde möglich, weil neue Techniken die Arbeit auf dem Land effizienter machten. Wenn ein Bauer durch eine bessere Methode doppelt so viel Weizen erntete, brauchte er weniger Zeit für die Versorgung seiner Familie. Den Überschuss konnte er an Nachbarn verkaufen und sich im Gegenzug etwa Stricksocken leisten.

Es entstanden findige Geschäftsleute, die andere dafür bezahlten, zu Hause Socken zu stricken, diese billig aufkauften und in der Stadt teurer verkauften. So entstanden die ersten Unternehmen, sogenannte Manufakturen, in denen noch alles in Handarbeit hergestellt wurde.

Bald kamen die ersten Maschinen auf, die zunächst noch mit Körperkraft betrieben wurden – etwa Nähmaschinen mit Pedalantrieb, wie man sie vielleicht bei der Großmutter gesehen hat. Später folgten leistungsfähigere Maschinen, die mit Dampf oder Wasserkraft betrieben wurden. Damit entstanden die ersten Fabriken.

Die Eisenbahn als Schrittmacher der Industrialisierung

Im 19. Jahrhundert kam der absolute Game Changer: die Eisenbahn, etwa ab 1850. Sie war für das 19. Jahrhundert das, was heute das Internet für uns ist – sie vernetzte alles.

Plötzlich konnten tonnenschwere Güter wie Kohle oder Stahl in riesigen Mengen durchs Land transportiert werden. Doch der Aufbau eines Eisenbahnnetzes erforderte zunächst den Bau unzähliger Schienen und Lokomotiven. Dafür brauchte es mehr Fabriken. Und damit die Bahn fuhr, musste Kohle aus den Bergwerken geholt werden. Um die Kohle zu transportieren, benötigte man wiederum mehr Schienen, Stahl und Maschinen. Es entstanden Maschinenfabriken, die ihrerseits Kohle für Dampfmaschinen und Stahl benötigten. Alles musste transportiert werden – und so entstand ein Kreislauf, in dem sich verschiedene Wirtschaftssektoren gegenseitig antrieben.

Man nennt das eine Schrittmacherindustrie. Die Eisenbahn war die Schrittmacherindustrie des 19. Jahrhunderts und zog alle anderen Bereiche der Wirtschaft mit sich.

Hochindustrialisierung und soziale Folgen

Mit der Eisenbahn begann in Deutschland ab etwa 1860/70 die Hochindustrialisierung. Fabriken wurden immer schneller, größer und effizienter. Wer weiterhin in Handarbeit produzierte, hatte keine Chance mehr gegen die Hightech-Fabriken.

Wenn eine Fabrik Stricksocken in fünf Minuten automatisch herstellen konnte, kostete ein Paar nur noch einen Euro. Ein handgestrickter Socken, für den jemand einen ganzen Tag brauchte, musste dagegen zehn Euro kosten – sonst konnte der Hersteller nicht überleben. Die handgefertigten Produkte hatten keine Chance mehr. Die Arbeiter in den Manufakturen wurden arbeitslos.

Doch diese Menschen suchten neue Jobs – und fanden sie in den Fabriken, die ihre eigenen Arbeitsplätze zuvor verdrängt hatten. Sie zogen in die Städte, die rasant wuchsen. Doch wo sollten all die Menschen wohnen? Es entstanden riesige Viertel mit schnell gebauten Bruchbuden, in denen die Arbeiter untergebracht wurden. Daneben standen prunkvolle Villen der reichen Fabrikbesitzer.

Die Ungleichheit zwischen armen Arbeitern und wohlhabenden Unternehmern nahm immer weiter zu. Wie man dieses Problem lösen könnte, betrachten wir in der nächsten Folge.

Das war es für heute zum Thema Wirtschaftsliberalismus und die Eisenbahn in Deutschland. In der nächsten Folge geht es weiter mit unserem Ritt durch das lange 19. Jahrhundert. Ich freue mich, wenn ihr wieder einschaltet. Gerne dürft ihr den Podcast mit euren Klassenkameraden und Freunden teilen, die sich auf Klausuren vorbereiten oder einfach an Geschichte interessieren. Jeder Hörer ist für mich eine Motivation, hier weiterzumachen. Ich danke euch fürs Zuhören.