Shownotes

Diese "Klausurfolge" ist ein Zusammenschnitt der vorangegangenen Folgen und eignet sich besonders gut, um sich auf eine Klausur über die Deutsche Einigung im 19. Jahrhundert vorzubereiten. Sie fasst alle Kapitel von der Restauration nach Napoléon bis zum Jahr 1871 zusammen, die im 4. Lernjahr (Klasse 8/9) typischerweise relevant sind.

Transkript

Auswanderung im 19. Jahrhundert: Flucht vor Elend und Unterdrückung

Was würdest du tun, wenn zu Hause alles schiefgeht? Wenn du für deine Träume von Freiheit verfolgt wirst oder schlichtweg verhungerst? Millionen Menschen im 19. Jahrhundert sahen aus diesem autoritären, unterdrückerischen, von Armut und Hungersnot gebeutelten Europa nur einen Ausweg: Migration. Das lateinische Wort bedeutet „wandern“ – in diesem Fall „auswandern“. Amerika war damals das Ziel der Träume der meisten Menschen: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Es gab zwei Hauptgründe für diese große Auswanderungswelle. Erstens die miserable Wirtschaftslage. Durch schlechte Ernten und Überbevölkerung auf dem Land gab es in vielen Dörfern keine Zukunft mehr. Ganze Familien kratzten ihr letztes Geld zusammen, um eine lebensgefährliche Überfahrt in der stickigen Zwischendeckklasse eines Segelschiffs zu wagen.

Zweitens spielte die Politik eine Rolle. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 flohen die sogenannten „Forty-Eighters“ – gebildete Menschen, die in Deutschland für Freiheit gekämpft hatten, aber keine erhielten. Manche dieser Revolutionäre wurden hingerichtet, andere flohen in die USA. Viele von ihnen wurden dort später erfolgreiche Politiker oder Geschäftsleute.

Diese Menschen ließen alles hinter sich, blieben aber vernetzt. Sie schrieben Briefe nach Hause, schickten Geld und berichteten von der neuen Welt. Das war eine frühe Form dessen, was wir heute Globalisierung nennen.

Wenn ihr in der Klausur nach der Bedeutung von Auswanderung gefragt werdet, könnt ihr an dieses Doppelphänomen denken: Wirtschaftliches Elend und politische Unterdrückung trieben die Menschen weg, doch gleichzeitig bauten sie eine Brücke über den Ozean, die wir heute noch spüren. Selbst der ehemalige amerikanische Präsident Donald Trump hat deutsche Vorfahren – kein Zufall, denn Einwanderung aus Europa war jahrhundertelang die Lebensader der USA.

Die deutsche Einheit: Reichsgründung von oben

Am Ende kam die deutsche Einheit doch noch – aber ganz anders, als sich die Revolutionäre von 1848 das vorgestellt hatten. Nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse, nicht in Form einer liberalen, demokratischen Ordnung, sondern von Adligen kontrolliert und gelenkt: durch Machtpolitik und Kriege. Das Motto „durch Eisen und Blut“ prägte Otto von Bismarck, den preußischen Ministerpräsidenten, der diese Entwicklung vorantrieb.

Bismarck trieb das voran, was wir heute als „Reichsgründung von oben“ bezeichnen. „Von oben“ bedeutet: Nicht das Volk oder ein Parlament entschied über die Gründung Deutschlands, sondern die Fürsten und das Militär nutzten die Einheit als Machtinstrument. Bismarck inszenierte einen Krieg nach dem anderen, um Preußen zum mächtigsten Staat im deutschen Raum zu machen. Dann provozierte er einen Krieg mit Frankreich, damit sich alle Deutschen gemeinsam verteidigen mussten. Denn schon Bismarck wusste: Nichts schweißt die Menschen so sehr zusammen wie eine gemeinsame Gewalterfahrung.

Am 18. Januar 1871, nach dem Sieg über Frankreich, wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Bemerkenswert: Der preußische König wurde Kaiser von Deutschland – schon daran zeigt sich, wie die Macht zwischen den deutschen Staaten verteilt war. Preußen hatte eine klare Sonderrolle. Und die Krönung fand ausgerechnet in Frankreich statt, im Schloss der französischen Könige. Vielleicht kennt ihr das berühmte Bild von Ludwig XIV., der im Spiegelsaal posiert. Die Wahl dieses Ortes war eine bewusste Demütigung der Franzosen.

Deutschland war nun endlich ein Nationalstaat. Da es damit 1871 relativ spät dran war, spricht man von einem „jungen Nationalstaat“ – im Vergleich zu „alten“ Nationalstaaten wie Frankreich, das schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Staat war.

Man könnte meinen, die Revolutionäre von 1848 hätten am Ende doch noch ihren Willen bekommen: Nationalismus und Liberalismus hätten gesiegt. Doch dieser neue Staat war von Anfang an extrem militaristisch und autoritär geprägt. Es war ein Obrigkeitsstaat, in dem die Adligen mächtig und die Bürger politisch bedeutungslos blieben. Bismarck hatte Deutschland geeint, aber die Liberalen, die Freiheit und das Bürgertum klein gehalten.

Dazu passt ein Zitat: „Bismarck hat Deutschland größer, aber die Deutschen kleiner gemacht.“ Das trifft den Kern. Er schuf einen mächtigen deutschen Staat – doch die ersehnte Freiheit und Demokratie von 1848 blieben auf der Strecke. Der gemeinsame Nationalstaat war zwar da, aber es war ein Obrigkeitsstaat, in dem von Freiheit wenig zu spüren war.

Das war die letzte Folge unserer Reihe zur deutschen Einigung. Nächste Woche erscheint eine Klausurfolge mit einem Zusammenschnitt aller Episoden, der besonders gut zum Lernen geeignet ist. Danach widmen wir uns der Industrialisierung, die zeitgleich stattfand, aber ganz andere Schwerpunkte setzt.

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