Shownotes

In dieser Folge geht es um folgende Fachbegriffe:

  • Ra­di­kal­na­tio­na­lis­mus
  • Rüs­tungs­wett­lauf
  • Bünd­nis­po­li­tik

Transkript

Das lange 19. Jahrhundert: Begründungen für den europäischen Kolonialismus

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns auf Klausuren im Fach Geschichte vor. Heute geht es um das lange 19. Jahrhundert und konkret darum, mit welchen Begründungen sich die europäischen Staaten berechtigt sahen, in Afrika und Asien Kolonien zu gründen, Menschen zu versklaven, zur Zwangsarbeit zu zwingen und Terrorregime zu etablieren. Im Mittelpunkt stehen Sozialdarwinismus und Rassismus.

Eine imperiale Herrschaft, bei der ein wehrloses Land überfallen, die Bevölkerung versklavt und ausgebeutet wird, ist offensichtlich unmoralisch. Den Menschen damals war das intuitiv ebenfalls klar – doch wie rechtfertigten sie ihr Handeln vor sich selbst und der Öffentlichkeit? Sie sahen sich nicht als Bösewichte, sondern stützten sich auf ein abstruses Gedankenkonstrukt: den Sozialdarwinismus.

Darwinismus kennt ihr aus der Evolutionstheorie – das Prinzip der natürlichen Auslese. Die Erfinder des Sozialdarwinismus übertrugen diese Idee von Tieren auf Menschen. Der Begriff setzt sich aus „sozial“ (gesellschaftlich) und „Darwinismus“ zusammen. Die Logik dahinter: Wenn wir Europäer technisch überlegen sind, dann ist das wie in der Natur – wir haben uns besser an den Lebensraum angepasst und besitzen daher das „Naturrecht“, andere zu beherrschen. Der Löwe beherrscht die Savanne, weil er der Stärkste ist. Niemand stellt das infrage.

Doch diese Argumentation ist zynisch: Sie rechtfertigt jede Form von Gewaltherrschaft mit dem Prinzip „Der Stärkere hat immer Recht“. Damals diente sie vielen als Beruhigung für ihr Gewissen angesichts der Brutalitäten in den Kolonien. Man konnte sich einreden, es handle sich um ein „Naturgesetz“ – das Überleben des Stärkeren.

Der Vernichtungsbefehl an die Herero

„Ich bin der große General der deutschen Soldaten und sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren, Nasen und andere Körperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an einer meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark. Wer Samuel Maherero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muss aber das Land verlassen. Wenn es das nicht tut, werde ich es mit dem großen Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf. Ich treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero, der große General des mächtigen deutschen Kaisers.“

Dieser Brief stammt von General Lothar von Trotha, einem Soldaten des deutschen Kaiserreichs, und wurde 1904 an die Herero gerichtet – eine Volksgruppe in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Der sogenannte „Vernichtungsbefehl“ leitete einen Völkermord ein, dem 50.000 bis 70.000 Menschen zum Opfer fielen. Wie konnte es zu einer solchen Grausamkeit kommen?

Rassismus als Rechtfertigung für Gewalt

Hand in Hand mit dem Sozialdarwinismus ging der Rassismus. Diese Theorie behauptet, Menschen ließen sich in „Rassen“ einteilen – ein fragwürdiger Begriff, da er eigentlich aus der Tierzucht stammt (z. B. Hunderassen). Dennoch teilten die Menschen damals andere nach äußerlichen Merkmalen ein: Afrikaner als „schwarze Rasse“, Chinesen als „gelbe Rasse“, Europäer als „weiße Rasse“.

Doch damit nicht genug: Die Rassentheorie behauptete, diese Gruppen seien nicht nur unterschiedlich, sondern auch unterschiedlich wertvoll. Afrikaner galten als „dumm“, weil sie keine Industrialisierung oder Nationalstaaten besaßen. Wenn sie also „minderwertig“ seien, dann hätten die Europäer das Recht – ja sogar die Pflicht –, sie zu beherrschen.

Aus dieser Ideologie wurde schnell brutale Praxis. Die Europäer sahen sich als „weiße Herrenrasse“ und die Menschen in Afrika oder Asien als unterlegen. Dies war keine bloße Meinung, sondern die Grundlage für extreme Gewalt. Widerstand in den Kolonien wurde mit einer Grausamkeit niedergeschlagen, die heute unvorstellbar erscheint.

Das bekannteste Beispiel aus der deutschen Geschichte ist der Völkermord an den Herero. General von Trotha trieb Zehntausende in die Wüste, ließ sie erschießen oder verdursten. Für ihn und seine Soldaten war dies leicht zu rechtfertigen: Sie fühlten sich den Afrikanern „rassisch überlegen“ und glaubten, ein „Naturrecht“ zu besitzen, über sie zu verfügen.

Fazit: Sozialdarwinismus und Rassismus als Werkzeuge des Imperialismus

Sozialdarwinismus und Rassismus waren zwei Gedankenkonstrukte, mit denen der europäische Imperialismus und die Herrschaft über fremde Völker erklärt – und gerechtfertigt – wurden. Sie dienten als intellektuelle Legitimation für Ausbeutung, Versklavung und Völkermord.

Geschichtslehrer.net ist ein Podcast, den ich in meiner Freizeit produziere. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, freue ich mich über Likes, Kommentare, Abonnements oder eine Mail an jens@geschichtslehrer.net. Ich lese alles. Danke fürs Zuhören und bleibt mir treu.