Shownotes
In dieser Folge geht es um zwei der folgenreichsten "wissenschaftlichen" Theorien des 19. Jahrhunderts, den Sozialdarwinismus und den Rassismus: zwei zutiefst menschenverachtende und ungerechnete Ideologien, in denen schon Jahrzehnte vor Hitlers Geburt der nationalsozialistische Massenmord angelegt ist.
Transkript
Imperialismus und die Kolonialreiche im langen 19. Jahrhundert
Die Ausbeutung des Menschen ist so alt wie die Menschheit. Schon immer haben sich Menschen überlegt, dass ihr Leben bequemer wäre, wenn sie andere versklaven und ausbeuten könnten. Dieser Trend nahm ab dem 16. Jahrhundert mit dem afrikanischen Sklavenhandel wieder Fahrt auf. Doch im späten 19. Jahrhundert, etwa ab 1880, begann die systematische staatliche Verwaltung und Ausbeutung von Kolonien.
Das frisch vereinigte Deutsche Reich und das kurz zuvor geeinte Italien hatten das Gefühl, im Wettlauf um Kolonien zu spät zu kommen. Beide starteten ein brutales Kolonialprogramm, um sich ein „Reich unter der Sonne“ zu schaffen – ein Weltreich, in dem stets irgendwo die Sonne schien. Diese Epoche bezeichnen wir als Imperialismus, abgeleitet vom lateinischen Imperium für Weltreich.
Die Großmächte wie England, Frankreich und später Deutschland und Italien wollten nicht mehr nur in Europa mitspielen, sondern die ganze Welt kontrollieren. Dafür gab es mehrere Gründe: Erstens ging es um Rohstoffe wie Kohle, Gummi und Gold. Zweitens suchten sie neue Absatzmärkte für die eigenen Industrieprodukte. Kolonien galten als lukrative Märkte für die Waren, die seit der Industrialisierung in Europa hergestellt wurden. Zudem war es prestigeträchtig, Kolonien zu besitzen. Ein Staat ohne Kolonien galt als zweitklassig. Es war ein rücksichtsloses Spiel um Macht und Geld, bei dem die betroffenen Menschen in den Kolonien keine Stimme hatten.
Deutschlands Rolle in diesem Prozess war ambivalent. Unter Reichskanzler Bismarck, der 1871 die Reichsgründung vorangetrieben hatte, spielten Kolonien kaum eine Rolle. Er hielt sie für überflüssig und hatte nach den europäischen Kriegen kein Interesse an weiteren Konflikten in Übersee. Doch nach Bismarcks Entlassung durch Kaiser Wilhelm II. stieg Deutschland voll in das Wettrennen um Kolonien ein.
Wie baute man ein Kolonialreich auf? England war hier führend und prägte den Spruch: „In meinem Reich geht die Sonne nie unter.“ Diese Ära wird auch als viktorianisches Zeitalter bezeichnet, benannt nach Königin Victoria, die den britischen Imperialismus verkörperte.
Auch das Deutsche Reich wollte seinen „Platz an der Sonne“ und eroberte Kolonien in Afrika – im heutigen Namibia, Tansania, Kamerun und Togo. Dort wurden Plantagen errichtet, und die lokale Bevölkerung wurde zur Zwangsarbeit gezwungen, um Kakao, Palmöl oder Kautschuk nach Europa zu verschiffen.
Im Pazifik besaß Deutschland ebenfalls Kolonien, darunter Deutsch-Neuguinea und Samoa. Diese Gebiete waren weniger idyllisch, als es klingt, sondern dienten vor allem strategischen und wirtschaftlichen Interessen – als Militärstützpunkte und für den Handel mit Rohstoffen, die in Europa knapp waren. Selbst in China hatte Deutschland einen Stützpunkt: Kiautschou, das heutige Qingdao. Die dortige Brauereikultur, bekannt durch das Tsingtao-Bier, geht auf deutsche Bierbrauer zurück, die um 1900 in der Region stationiert waren.
In ihren Kolonien herrschten die Europäer wie Götter. Sie beuteten das Land aus, zwangen den Einheimischen Zwangsarbeit, ihre Kultur und ihre Sprache auf. Die Grenzen in Afrika wurden oft mit dem Lineal auf Landkarten gezogen, ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen. Viele heutige Konflikte in Afrika haben hier ihre Wurzeln – etwa der Bürgerkrieg im Sudan, der trotz seiner humanitären Katastrophe in europäischen Medien kaum Beachtung findet.
Ausblick
Im nächsten Teil geht es um die ideologischen Begründungen des Imperialismus: Warum glaubten die Menschen, berechtigt zu sein, fremde Länder und Völker zu unterwerfen? Wir beschäftigen uns mit Sozialdarwinismus und Rassismus. Vielen Dank fürs Zuhören – bis zum nächsten Mal.