Shownotes

Heute sprechen wir über die Begriffe:

  • Vier­zehn Punk­te
  • De­mo­kra­ti­sie­rung
  • Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker
  • Nach­fol­ge­staat
  • eth­ni­sche Min­der­heit
  • im­pro­vi­sier­te De­mo­kra­tie / ge­lern­te De­mo­kra­tie
  • jun­ger Na­tio­nal­staat / al­ter Na­tio­nal­staat

Transkript

Der Imperialismus und der Hunger nach Macht um 1900

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens, und wir schauen uns heute an, wie der Hunger nach Macht die Welt um 1900 in eine Katastrophe stürzte, die unsere Welt heute immer noch prägt. Wer die Politik von heute verstehen will – von Konflikten in Afrika bis zum Verhältnis zwischen USA und Russland –, der muss in diese Epoche schauen.

Die Ausbeutung des Menschen ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer haben sich Menschen überlegt, dass ihr Leben bequemer wäre, wenn sie andere versklaven und ausbeuten könnten. Seit dem 16. Jahrhundert nahm dieser Trend mit dem afrikanischen Sklavenhandel wieder Fahrt auf. Doch im späten 19. Jahrhundert, etwa ab 1880, begann die systematische staatliche Ausbeutung von Kolonien. Das frisch vereinigte Deutsche Reich und das kurz zuvor geeinte Italien hatten das Gefühl, im Wettlauf um Kolonien zu spät dran zu sein. Deshalb starteten sie ein brutales Kolonialprogramm, um sich ein „Reich unter der Sonne“ zu schaffen – ein Weltreich, in dem immer irgendwo die Sonne schien. Diese Epoche nennen wir den Imperialismus, abgeleitet vom lateinischen Imperium für Weltreich.

Die Großmächte wie England, Frankreich und später Deutschland und Italien wollten nicht mehr nur in Europa mitspielen, sondern die ganze Welt kontrollieren. Dafür gab es mehrere Gründe: Erstens brauchte man Rohstoffe wie Kohle, Gummi und Gold aus den Kolonien. Zweitens suchte man neue Absatzmärkte für die eigenen Industrieprodukte. Eine Kolonie galt als lukrativer Markt für die Waren, die seit der Industrialisierung in Massen produziert wurden. Zudem ging es um Prestige – ein Staat ohne Kolonien galt als zweitklassig. Es war ein rücksichtsloses Spiel um Macht und Geld, bei dem die betroffenen Menschen in den Kolonien überhaupt nicht gefragt wurden.

Deutschlands Rolle in diesem Wettlauf war zunächst ambivalent. Unter Bismarck, der 1871 Deutschland vereinigt hatte, spielten Kolonien keine große Rolle. Er hielt sie für überflüssig und hatte gerade erst mehrere Kriege in Europa geführt – da brauchte er keinen zusätzlichen Konflikt in Übersee. Doch als Kaiser Wilhelm II. an die Macht kam und Bismarck entließ, stieg Deutschland voll in das Wettrennen um Kolonien ein.

Der Aufbau der Kolonialreiche

Wie gewann man dieses Wettrennen? Zunächst baute man sich ein Kolonialreich auf. England war hier der Spitzenreiter. Der berühmte Spruch „In unserem Reich geht die Sonne nie unter“ prägte das viktorianische Zeitalter unter Queen Victoria, die diesen Imperialismus verkörperte. Doch auch das Deutsche Reich wollte seinen „Platz an der Sonne“ und eroberte Kolonien in Gebieten wie dem heutigen Namibia, Tansania, Kamerun und Togo. Dort wurden Plantagen errichtet, und die Einheimischen wurden wie Sklaven zur Arbeit gezwungen, um Kakao, Palmöl oder Kautschuk nach Europa zu verschiffen.

Auch im Pazifik besaß Deutschland Kolonien, etwa Deutsch-Neuguinea und Samoa. Das klang nach Südsee-Idylle, doch für das Kaiserreich waren diese Gebiete vor allem strategisch wichtig – als militärische Stützpunkte und für den Handel mit Rohstoffen, die in Europa knapp waren. Selbst in China hatte Deutschland einen Stützpunkt: Kiautschou, heute Qingdao. Die dortige Brauereikultur geht auf deutsche Bierbrauer zurück, die um 1900 stationiert waren.

In ihren Kolonien herrschten die Europäer wie Götter. Sie beuteten das Land aus, zwangen den Einheimischen Zwangsarbeit, ihre Kultur und ihre Sprache auf. Die Grenzen in Afrika wurden oft mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen, ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen. Viele heutige Konflikte in Afrika haben ihre Wurzeln in dieser Zeit – etwa der Bürgerkrieg im Sudan, der trotz seiner humanitären Katastrophe in Europa kaum Beachtung findet.

Die Rechtfertigung des Imperialismus: Sozialdarwinismus und Rassismus

Doch wie rechtfertigten die Europäer diese offenkundige Ausbeutung? Sie sahen sich selbst nicht als Bösewichte. Dahinter steckte ein abstruses Gedankenkonstrukt: der Sozialdarwinismus. Charles Darwins Evolutionstheorie – das Prinzip der natürlichen Auslese – wurde auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Wenn die Europäer den Afrikanern technisch überlegen waren, dann sei das wie in der Natur: Der Stärkere habe das Recht, den Schwächeren zu beherrschen. Der Löwe beherrscht die Savanne, weil er der Stärkste ist – warum sollte das bei Menschen anders sein?

Diese Argumentation war zynisch, denn sie rechtfertigte jede Form von Gewalt. Sie diente dazu, das schlechte Gewissen wegen der Brutalitäten in den Kolonien zu beruhigen. Man sagte sich: Das ist unser gutes Naturrecht, denn wir sind die Stärkeren.

Hand in Hand mit dem Sozialdarwinismus ging der Rassismus. Menschen wurden in „Rassen“ eingeteilt – eine fragwürdige Einteilung, da der Begriff eigentlich für gezüchtete Tierarten steht. Doch die Europäer teilten die Welt in „weiße“, „schwarze“ und „gelbe“ Rassen ein und behaupteten, diese seien nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell unterschiedlich wertvoll. Afrikaner galten als „unterlegen“, weil sie keine industrialisierten Nationalstaaten besaßen. Diese „minderwertigen Rassen“ sollten beherrscht werden – eine Ideologie, die extreme Gewalt legitimierte.

Wenn sich die Menschen in den Kolonien gegen die Unterdrückung wehrten, wurde dies mit brutaler Härte niedergeschlagen. Das bekannteste Beispiel aus der deutschen Geschichte ist der Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). General von Trotha erließ 1904 einen Vernichtungsbefehl, der zum Tod von 50.000 bis 70.000 Menschen führte. Sein Schreiben an die Herero zeigt die grausame Logik dieser Zeit:

„Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an einer meiner Stationen als Gefangenen abliefert, bekommt 1000 Mark. Wer Samuel Maherero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muss aber das Land verlassen. Wenn das Volk das nicht tut, werde ich es mit dem großen Rohr dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf. Ich treibe sie zu ihrem Volk zurück. Ich lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero, der große General des mächtigen deutschen Kaisers.“

Trotha und seine Soldaten fühlten sich den Herero rassisch überlegen. Für sie war es selbstverständlich, über das Leben der Afrikaner zu entscheiden. Rassismus war der Klebstoff, der das imperiale System am Laufen hielt.

Nationalismus, Rüstungswettlauf und der Weg in den Ersten Weltkrieg

Während die Großmächte in Übersee um Kolonien kämpften, wurde die Stimmung in Europa immer giftiger. In vielen Ländern herrschte ein radikaler Nationalismus – nicht nur „Ich mag mein Land“, sondern „Mein Land ist das beste, und alle anderen sind Feinde“. In Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich und England wurde ein aggressiver Patriotismus geschürt, der Krieg als heldenhaftes Abenteuer verklärte. Kinder lernten in der Schule, dass es eine Ehre sei, fürs Vaterland zu sterben.

Diese militaristische Haltung führte zu einem Rüstungswettlauf. Besonders zwischen Deutschland und England gab es einen erbitterten Wettbewerb um die größte Flotte. Deutschland wollte Weltmacht werden und brauchte Schiffe, um seine Kolonien zu verteidigen. England, das bis dahin die unangefochtene Seemacht war, reagierte mit dem Bau immer neuer Kriegsschiffe. Am Ende standen sich in Europa hochgerüstete Armeen gegenüber, die nur auf einen Anlass zum Losschlagen warteten.

Eine weitere Strategie, um mit der Angst vor den Nachbarn umzugehen, war die Bündnispolitik. Deutschland verbündete sich mit Österreich-Ungarn, Frankreich mit Russland und England. Eigentlich sollte das abschrecken – doch es führte dazu, dass ein lokaler Konflikt sofort alle Großmächte mitriss. Als 1914 ein serbischer Terrorist den österreichischen Thronfolger erschoss, eskalierte die Situation innerhalb weniger Tage:

Österreich erklärte Serbien den Krieg. Serbien rief Russland zu Hilfe, das wiederum Österreich den Krieg erklärte. Österreich bat Deutschland um Unterstützung, das Russland den Krieg erklärte. Russland mobilisierte seine Verbündeten Frankreich und England – und plötzlich stand ganz Europa in Flammen. Aus einem regionalen Konflikt wurde ein weltweiter Krieg.

Der Erste Weltkrieg: Eine neue Dimension der Gewalt

Heute nennen wir diesen Krieg von 1914 bis 1918 den Ersten Weltkrieg. Doch für die Zeitgenossen war das zunächst nur ein weiterer europäischer Krieg – wenn auch ein besonders grausamer. Erst mit dem Kriegseintritt der USA 1917 und der Einbeziehung der Kolonien wurde daraus ein echter Weltkrieg.

Der Erste Weltkrieg war einer der ersten modernen Kriege. Dank der Industrialisierung konnten Waffen, Munition und Sprengstoff in riesigen Mengen produziert werden. In Schlachten wie Verdun wurden Millionen Granaten verschossen. Es ging nicht mehr um Taktik, sondern darum, wer mehr Material und Menschen in den „Fleischwolf“ werfen konnte. Soldaten saßen monatelang in dreckigen Schützengräben, während Panzer, Giftgas und Flugzeuge den Krieg zu einer anonymen Tötungsmaschine machten.

Doch der Krieg erfasste nicht nur die Front, sondern die gesamte Gesellschaft. Da die meisten Männer an der Front kämpften, arbeiteten Frauen in den Fabriken und produzierten Granaten. In Deutschland herrschte Hunger – der „Steckrübenwinter“ 1916/17, in dem die Menschen nur noch Steckrüben zu essen hatten. Man spricht von einem „totalen Krieg“, der jeden Bereich des Lebens prägte: Kinder sangen in der Schule Kriegslieder, Journalisten verbreiteten Propaganda, und selbst Ärzte und Schneiderinnen waren Teil der Kriegsmaschinerie.

Am Ende forderte der Krieg etwa 17 Millionen Tote. Die alten Imperien brachen zusammen: Der deutsche Kaiser musste abdanken, der russische Zar wurde gestürzt, und Österreich-Ungarn zerfiel in viele kleine Staaten. Selbst die Siegermächte Frankreich und England hatten Mühe, ihre Kolonien unter Kontrolle zu halten – viele wollten nicht mehr Teil des Imperiums sein.

Die Folgen: Neue Staaten und neue Konflikte

Auf den Trümmern der alten Reiche entstanden neue Nationalstaaten. Aus dem Zarenreich gingen Polen, Finnland und andere unabhängige Länder hervor. Aus Österreich-Ungarn entstanden die Tschechoslowakei und weitere Nationen, die ihre Freiheit wollten.

Doch mitten im Krieg geschah in Russland etwas, das die Welt für das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollte: die Oktoberrevolution 1917. Die Kommunisten unter Wladimir Lenin stürzten den Zaren und übernahmen die Macht. Ihr Ziel war eine klassenlose Gesellschaft, in der Fabriken allen gehörten und Privateigentum abgeschafft war. Die Bolschewiki glaubten an eine „Weltrevolution“ – dass andere Länder ihrem Beispiel folgen würden.

Auf der anderen Seite traten 1917 die USA in den Krieg ein. Präsident Woodrow Wilson war ein Verfechter des Liberalismus und wollte die Demokratie in die Welt exportieren. Seine Idee: Wenn alle Länder demokratisch wären, gäbe es weniger Kriege. Doch damit standen sich zwei gegensätzliche Systeme gegenüber: die US-amerikanische Vision von Freiheit und Demokratie gegen die sowjetische Vision des Kommunismus.

1917 war eine Zäsur – ein Wendepunkt. Europa war nicht mehr das Zentrum der Welt. Die USA und die Sowjetunion wurden zu den neuen Großmächten. Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus sollte das 20. Jahrhundert prägen und erst 1990 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion enden.

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Man könnte meinen, nach 17 Millionen Toten hätte die Menschheit gelernt. Doch Historiker nennen den Ersten Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Seine Folgen bereiteten den Boden für die noch größeren Katastrophen, die folgen sollten. Der Krieg zerstörte nicht nur Leben, sondern auch das Vertrauen in die alte Ordnung. Die neuen Nationalstaaten, die daraus entstanden, waren oft instabil. Der Hass zwischen den Völkern schwelte weiter – und sollte nur 20 Jahre später im Zweiten Weltkrieg gipfeln.

Die Weimarer Republik, die nach dem Krieg in Deutschland entstand, werden wir uns in der nächsten Folge anschauen. In vielen Punkten ähnelte sie bereits unserem heutigen Deutschland.

Ich danke euch fürs Zuhören und bleibt mir treu.