Shownotes
In dieser Folge geht es um den Beginn der Industrialisierung in Deutschland. Wir sprechen über:
- Wirtschaftsliberalismus
- Industrialisierung
- Fabrik
- Eisenbahn
Transkript
Das lange 19. Jahrhundert: Europas Wandel von alten Monarchien zu Nationalstaaten
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Ich bin Jens und in diesem Podcast bereiten wir uns fachkundig und kurzweilig auf eure Klassenarbeiten vor. In den nächsten Wochen geht es um das sogenannte lange 19. Jahrhundert – die Zeit, in der sich Europa völlig veränderte. Weg von alten Königen, die alles allein bestimmen wollten, hin zu Nationalstaaten, Verfassungen und einer Welt, wie wir sie heute kennen. Wir schauen uns an, wie aus einem gigantischen Puzzle von über 300 kleinen Staaten am Ende das deutsche Kaiserreich wurde.
Deutschland im Jahr 1800: Ein Flickenteppich aus Kleinstaaten
Deutschland im Jahr 1800 war ein Flickenteppich aus mehr als 300 winzigen Staaten. In jedem davon herrschte ein kleiner Fürst, ein Graf, ein König oder ein anderer Adeliger, der seine Macht mit niemandem teilen wollte. Diese Herrscher kochten lieber ihr eigenes Süppchen, solange ihnen niemand hineinredete. Eine Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten kam für sie nicht infrage.
Doch dann ereignete sich in Frankreich die Revolution, und ein Mann namens Napoleon kam an die Macht. Er überzog ganz Europa mit Krieg und brachte neben seinen Soldaten auch moderne Ideen nach Deutschland.
Napoleons Einfluss: Mediatisierung und Säkularisation
Zuerst musste Napoleon das eroberte Westdeutschland beherrschen. Dazu suchte er Verbündete, denen er Teile der frisch eroberten Gebiete überließ. So wurden die vielen kleinen Staaten nach und nach zusammengelegt, und Napoleons Verbündete wurden Herrscher dieser neuen, größeren Einheiten. Zwar war das noch nicht so groß wie das heutige Deutschland, aber ein Schritt in Richtung moderner Flächenstaaten.
Diese Zusammenlegung der kleinen Staaten zu größeren Einheiten nennt man Mediatisierung. Napoleon trieb sie voran, um im Südwesten Deutschlands starke Verbündete wie Baden und Württemberg zu schaffen. Diese sollten groß genug sein, um ihm militärisch gegen Österreich zu helfen, aber klein genug, um sich nicht gegen ihn zu wenden.
Parallel dazu vollzog sich ein weiterer Prozess: die Säkularisation. Die Kirche verlor ihre weltliche Macht, Klöster und Kirchengüter wurden verstaatlicht. Die Fürsten nutzten die Gelegenheit, um sich diese Ländereien anzueignen – Napoleon mochte die Kirche nicht, und die Umwälzungen in Europa erleichterten diesen Schritt.
Napoleon: Hoffnungsträger und Tyrann
Napoleon war für die Menschen in Deutschland und Frankreich eine zwiespältige Figur. Einerseits führte er mit dem Code Napoléon oder Code Civil moderne Rechte ein, wie die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Trennung von Kirche und Staat. Andererseits zwangsrekrutierte er unzählige junge Männer für seine Kriege und verursachte ein gigantisches Blutbad in Europa.
Doch das Wichtigste für euch: Durch diesen Umbruch entstand im Südwesten das Fundament für moderne Flächenstaaten. Ohne Napoleon gäbe es heute mit Sicherheit kein Baden-Württemberg.
Der Wiener Kongress und die Restauration
Nach Napoleons Niederlage 1815 waren die alten adligen Herrscher erleichtert. Sie wollten die Zeit zurückdrehen und die liberalen Ideen der Französischen Revolution ungeschehen machen. Doch Europa war durcheinandergeraten, und es musste geklärt werden, wer welche Grenzen hatte und wer wo herrschen sollte.
Die Adligen Europas trafen sich daher um Silvester 1814/1815 beim Wiener Kongress in Wien – eine riesige Party voller schicker Adliger. Das Motto lautete Restauration, also Wiederherstellung. Gemeint war die absolute Macht der Könige, als hätte es die Französische Revolution nie gegeben.
Statt eines modernen deutschen Nationalstaats gründeten sie den Deutschen Bund, einen lockeren Club von 39 Einzelstaaten ohne echte Macht. Die Menschen waren damit unzufrieden, denn Napoleon hatte sie mit zwei Ideen angesteckt: Liberalismus und Nationalismus.
Liberalismus und Nationalismus: Die Ideen der Zeit
Liberalismus bedeutet den Wunsch nach einer Verfassung, Grundrechten, einem Parlament und einer Art Demokratie. Napoleon hatte diese Ideen in einigen deutschen Staaten eingeführt – sie waren Teil des Programms der Französischen Revolution.
Nationalismus hingegen war aus Napoleons Sicht ein Versehen. Er meint den Wunsch nach einem gemeinsamen Deutschland ohne Kleinstaaterei. Die Deutschen hatten gemeinsam gegen die Franzosen gekämpft, und das schweißte sie zusammen. Dass sie dadurch eine nationale Einheit anstrebten, hatte Napoleon nicht beabsichtigt.
Zwar sind Liberalismus und Nationalismus unterschiedliche Konzepte, doch weil beide gegen die Interessen des Adels gerichtet waren, verbündeten sie sich. Der gemeinsame Feind war der Adel, der an der Restauration festhielt.
Der Vormärz: Unterdrückung und Widerstand
Diese Zeit, in der die Fürsten die Restauration durchsetzten, während die Bevölkerung bereits liberal und nationalistisch dachte, nennt man Vormärz. Ein Höhepunkt war das Hambacher Fest 1832, bei dem über 30.000 Menschen für die Einheit Deutschlands und ein freies Europa demonstrierten. Sie schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und forderten Freiheit – vor allem von den Königen.
Die Epoche wird auch als Völkerfrühling bezeichnet, weil sich Freiheitsbewegungen in Europa gegenseitig unterstützten. Doch der österreichische Fürst Metternich, der politische Kopf der Restauration, reagierte mit Gewalt: Polizeiüberwachung, Pressezensur und ein europaweiter Geheimdienst, der liberale Aktivitäten unterwanderte. Dieses System nennt man das System Metternich, und ein Staat, der so funktioniert, heißt Obrigkeitsstaat.
Kreativer Widerstand: Vereine als Tarnung
Wie macht man Politik, wenn man dafür ins Gefängnis kommen kann? Das Bürgertum wurde kreativ. Da echte Parteien verboten waren, tarnten sie ihre politischen Versammlungen als harmlose Vereine. Offiziell waren es Gesangs-, Turn- oder Schäferhundzuchtvereine – in Wahrheit aber Orte für politische Diskussionen.
Wenn ein Gesangsverein das Freiheitslied sang, war das ein politisches Statement für die deutsche Einheit. Zwar war das nicht direkt illegal, aber auch nicht ganz legal. Dennoch war den meisten klar, was wirklich gespielt wurde.
Biedermeier: Rückzug ins Private
Während einige sich in Vereinen organisierten, zogen sich andere frustriert ins Privatleben zurück. Sie hatten keine Lust mehr auf Politik, weil sie das Gefühl hatten, nichts ändern zu können. Dieses Phänomen nennt man Biedermeier – eine Epoche des politischen Stillhaltens und Rückzugs ins Private.
Die Revolution von 1848: Hoffnung und Scheitern
In den Spannungen zwischen staatlicher Unterdrückung und dem in der Bevölkerung schwelenden Liberalismus und Nationalismus kam es 1848 zur Revolution. In Paris, Wien und Berlin brannten die Barrikaden. Die Menschen wollten nicht länger warten, und die Fürsten waren überrumpelt – ihnen fehlte das Militär, um die Aufstände niederzuschlagen.
So erzwangen die Revolutionäre die Wahl der ersten deutschen Nationalversammlung. Ab 1848 tagte in der Frankfurter Paulskirche ein gewähltes Parlament, das über die Zukunft Deutschlands debattierte: Sollte es eine Monarchie oder eine Republik werden? Wie mächtig sollte ein König sein? Und wer gehörte zu Deutschland – die großdeutsche Lösung mit Österreich oder die kleindeutsche Lösung ohne?
Die Abgeordneten schrieben eine moderne Verfassung mit Menschen- und Bürgerrechten und einem fortschrittlichen Wahlrecht. Doch sie machten einen entscheidenden Fehler: Sie diskutierten monatelang. Das gab den Fürsten Zeit, ihre Armeen zu sammeln.
Als die Nationalversammlung schließlich dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, lehnte er ab. Er wollte keine Krone „vom Dreck der Gasse“, sondern nur „von Gottes Gnaden“. Die Fürsten gewannen die Oberhand, und die Revolution scheiterte. Viele Revolutionäre landeten im Gefängnis oder mussten fliehen.
Doch 1848 war kein totaler Fehlschlag. Die Paulskirchenverfassung blieb Vorbild für die Weimarer Republik und unser heutiges Grundgesetz. Es war der erste Versuch, Deutschland als demokratischen Nationalstaat zu gründen.
Migration: Flucht vor Armut und Unterdrückung
Was tut man, wenn zu Hause alles schiefgeht? Wenn man für Freiheit verfolgt wird oder verhungert? Millionen Menschen im 19. Jahrhundert sahen nur einen Ausweg: Migration. Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Es gab zwei Hauptgründe für die große Auswanderungswelle:
- Wirtschaftliches Elend: Schlechte Ernten und Überbevölkerung ließen viele Familien verarmen. Sie sparten ihr letztes Geld für eine gefährliche Überfahrt in der stickigen Zwischendeckklasse eines Segelschiffs.
- Politische Unterdrückung: Nach der gescheiterten Revolution von 1848 flohen die sogenannten 48er – gebildete Freiheitskämpfer – in die USA. Viele wurden dort später erfolgreiche Politiker oder Geschäftsleute.
Diese Auswanderer blieben vernetzt. Sie schrieben Briefe, schickten Geld und berichteten von der neuen Welt – eine frühe Form der Globalisierung.
Die Reichsgründung von oben: Bismarck und „Eisen und Blut“
Am Ende kam die deutsche Einheit doch noch – aber anders, als sich die Revolutionäre von 1848 das vorgestellt hatten. Nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse, sondern durch Machtpolitik und Kriege. Das Motto von Otto von Bismarck, dem preußischen Ministerpräsidenten, lautete „Eisen und Blut“.
Bismarck trieb die Reichsgründung von oben voran – nicht das Volk oder ein Parlament entschieden, sondern die Fürsten und das Militär. Durch drei gewonnene Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich machte er Preußen zum mächtigsten Staat im deutschen Raum. Der Krieg gegen Frankreich sollte die Deutschen einen: Nichts schweißt so zusammen wie eine gemeinsame Gewalterfahrung.
Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Die Wahl des Ortes war eine bewusste Demütigung der Franzosen – ausgerechnet im Schloss der französischen Könige wurde Deutschland gegründet.
Ein junger Nationalstaat mit alten Machtstrukturen
Deutschland war nun endlich ein Nationalstaat. Weil es damit spät dran war, nennt man es einen jungen Nationalstaat im Vergleich zu Frankreich, das schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Staat war.
Doch dieser neue Staat war von Anfang an militaristisch und autoritär geprägt. Bismarck hatte Deutschland geeint, aber die Liberalen und das Bürgertum politisch klein gehalten. Ein Zitat fasst es zusammen: „Bismarck hat Deutschland größer, aber die Deutschen kleiner gemacht.“
Der gemeinsame Nationalstaat war da, aber von Freiheit war wenig zu spüren. Es war ein Obrigkeitsstaat, in dem die Adligen mächtig blieben.
Fazit: Das lange 19. Jahrhundert
Wir haben heute über das lange 19. Jahrhundert gesprochen – von 1789 bis 1914. In dieser Zeit veränderte sich die politische Landkarte Europas in unfassbarer Geschwindigkeit. Diese großen Umbrüche sind Teil des Bildungsplans für das dritte Lernjahr in Geschichte und die Kursstufe in Baden-Württemberg. Schaut bitte in eure eigenen Bildungspläne, damit ihr für die Klausur gut vorbereitet seid.
Ich freue mich, wenn ihr den Podcast weitergebt, teilt und bewertet. Jeder Hörer motiviert mich, weiterzumachen. Danke fürs Zuhören und bleibt mir treu!