Shownotes

Wie wird aus vielen kleinen deutschen Fürstentümern das Deutsche Kaiserreich? Ist das eine Revolution? Und warum gibt es gleich drei deutsche "Einigungskriege"?

Heute erkläre ich euch:

  • "Revolution von unten"

  • "Revolution von oben"

  • Risorgimento

  • Deutsches Kaiserreich

  • Reichsverfassung

Transkript

Die italienische und deutsche Nationalstaatsbildung

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich euch fachlich, verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vorbereiten. Heute geht es um die italienische und die deutsche Nationalstaatsbildung.

Der italienische und der deutsche Nationalstaat sind zwei sogenannte spätere Nationalstaaten. Man unterscheidet zwischen Staaten, die sehr früh ein großes zusammenhängendes Territorium in einer nationalstaatlichen Einheit hatten. Dazu zählt beispielsweise Frankreich, das bereits seit der frühen Neuzeit ein großer zusammenhängender Staat ist, der von verschiedenen Herrschern regiert wird, aber letztlich immer ein zusammenhängendes Staatsgebiet entsprechend der ethnischen Gruppe der Franzosen bildet.

In Italien und Deutschland stellt sich die Situation anders dar. Hier gibt es eine große Bevölkerung mit ähnlicher ethnischer Herkunft, gemeinsamer Sprache und Kultur, die jedoch nicht in einem gemeinsamen Staat lebt, sondern auf viele kleine Königreiche verteilt ist. In Italien sind es einige, in Deutschland sehr viele. Dies ähnelt dem mittelalterlichen Herrschaftsmechanismus, in dem große Reiche nur lose verbunden waren und stattdessen viele kleine Fürstentümer, Herzogtümer oder Königtümer existierten.

Im Mittelalter hing das Herrschaftsgebiet stark von der Erbfolge ab. Durch den Tod eines Herrschers und die Verteilung des Erbes an seine Kinder konnte sich das Staatsgebiet jederzeit verändern. So konnte beispielsweise ein Königreich in zwei Teile geteilt werden, wenn es zwei Erben gab. Dies führte dazu, dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Herrschaftsgebiet nicht dauerhaft war.

Für die Einigungsprozesse im 19. Jahrhundert haben sich in der Wissenschaft zwei Erklärungsmodelle durchgesetzt: die Revolution von unten und die Revolution von oben.

Die Revolution von unten ist ein klassischer revolutionärer Akt, bei dem ein Umsturz zu einer neuen Herrschaftsordnung führt. Im Zuge einer nationalstaatlichen Bewegung könnten Menschen in verschiedenen Fürstentümern gegen die Herrschaft aufstehen, für eine Einigung kämpfen und einen gemeinsamen Staat gründen. Die Revolution von 1848 ist ein Beispiel für einen solchen Versuch in Deutschland, der jedoch scheiterte.

Die Revolution von oben beschreibt dagegen einen Prozess, bei dem Eliten die Einigung eines Nationalstaats vorantreiben. In Deutschland übernahm dies Otto von Bismarck, der preußische Kanzler, der die deutsche Einigung auf politischem und militärischem Wege durchsetzte. Bismarck war tief konservativ und monarchistisch geprägt und sah sich nicht als Revolutionär. Dennoch führte er eine Art Revolution durch, indem er die deutsche Einigung vorantrieb – allerdings als klassischer Machtpolitiker, nicht als Umstürzler.

Die deutsche Einigung unter Bismarck

In Deutschland gab es viele kleine Staaten, und Bismarck strebte die deutsche Einigung an. Ein zentrales Mittel dazu war die Klärung der Führungsrolle in Deutschland. In der Revolution von 1848 war lange diskutiert worden, ob Österreich in ein gemeinsames deutsches Reich aufgenommen werden sollte. Österreich war jedoch ein Vielvölkerreich mit zahlreichen nichtdeutschen Volksgruppen und hätte die Vorherrschaft Preußens gefährdet. Bismarck teilte diese Sicht und wollte Österreich ausschließen.

Dazu führte er mehrere Kriege. Zunächst den Krieg um Schleswig gegen Dänemark, bei dem Preußen als Schutzherr der deutschen Volksgruppen auftrat und seine Hegemonie im deutschen Sprachraum festigte. Anschließend folgte der deutsch-österreichische Krieg, in dem Preußen Österreich besiegte und damit seine Führungsrolle in Deutschland durchsetzte.

Nach diesen Kriegen provozierte Bismarck den deutsch-französischen Krieg. Obwohl Frankreich den Krieg formell erklärte, war es Bismarck, der ihn gezielt herbeiführte. Sein Ziel war es, einen Bündnisfall auszulösen, der die verbündeten deutschen Staaten in einen gemeinsamen Krieg gegen Frankreich zwingen würde. Dies gelang: 1870/71 kämpften die deutschen Staaten gemeinsam gegen Frankreich, und in diesem Krieg entstand ein neues Nationalgefühl.

1871 kam es im Spiegelsaal von Versailles zur deutschen Einigung. Das berühmte Gemälde von Anton von Werner zeigt diesen Moment, wobei Bismarck zentral dargestellt wird. Das Deutsche Kaiserreich, das dabei entstand, ermöglichte eine rasche Modernisierung: Es gab eine gemeinsame Verfassung, ein Parlament, neue Gesetze, und die Wirtschaft boomte, da Handel ohne Zollgrenzen möglich wurde. Dies wird als nachholende Modernisierung bezeichnet, da Deutschland Entwicklungen, die andere Staaten bereits durchlaufen hatten, in kurzer Zeit nachholte.

Die italienische Einigung: Das Risorgimento

In Italien verlief die Einigung ähnlich. Der Prozess wird als Risorgimento – Wiederauferstehung oder Wiedererhebung – bezeichnet. Auch hier gab es verschiedene Königreiche, die die Führungsrolle übernehmen wollten, insbesondere Sardinien-Piemont im Nordwesten und Beider-Sizilien im Süden.

Sardinien-Piemont setzte sich schließlich durch, unterstützt von ausländischen Mächten wie Frankreich. In Einigungskriegen wurden große Teile Italiens erobert und zu einem gemeinsamen Königreich Italien vereint. Wie in Deutschland war dies keine Revolution von unten, sondern ein Prozess, der von Eliten vorangetrieben wurde. Italien blieb eine Monarchie und war damit dem Deutschen Kaiserreich sehr ähnlich.

Die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs

Das Deutsche Kaiserreich war eine konstitutionelle Monarchie, in der der Kaiser eine zentrale Rolle spielte. Er war gleichzeitig König von Preußen, der Reichskanzler war zugleich preußischer Kanzler – ein klares Zeichen für die Vorherrschaft Preußens. Bismarck, als preußischer Reichskanzler, dominierte das Parlament, das zwar gewählt wurde, aber wenig Einfluss hatte.

Der Kaiser hatte weitreichende Befugnisse: Er berief den Reichstag ein und löste ihn auf, ernannte und entließ den Reichskanzler, hatte den Oberbefehl über Heer und Marine und ernannte die Richter des Reichsgerichts. Damit kontrollierte er faktisch alle drei Gewalten – Exekutive, Legislative und Judikative.

Das Wahlrecht war für die Zeit vergleichsweise modern: Alle Männer über 25 durften wählen, und es galt das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht. Dennoch war es aus heutiger Sicht eingeschränkt, da Frauen ausgeschlossen waren und das Mindestalter hoch angesetzt war.

Abschluss

Heute haben wir die Begriffe Revolution von oben und Revolution von unten behandelt, die deutsche Einigung unter Bismarck, die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs sowie das italienische Risorgimento. Damit sind die Themen Nationalstaatsbildung und nachholende Modernisierung in Italien und Deutschland abgeschlossen. Diese Inhalte sind Teil des Bildungsplans für das erste Halbjahr der Kursstufe in Geschichte, hier speziell für Baden-Württemberg.

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