Shownotes
Stalinismus und Nationalsozialismus: die beiden großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts scheinen auf den ersten Blick ähnlich. Doch inwieweit sind sie wirklich vergleichbar? Wir sprechen über
-
Totalitarismus,
-
Modernisierungsdiktatur,
-
Erziehungsdiktatur,
-
Gefälligkeitsdiktatur, und
-
Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen.
Transkript
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit meinem Podcast möchte ich euch dabei helfen, euch verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vorzubereiten. Heute sprechen wir über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der antiliberalen Modernisierungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts.
Antiliberale Modernisierungsdiktaturen
Diese Modernisierungsdiktaturen, das sind vor allem der Nationalsozialismus bzw. der Faschismus und der Sozialismus bzw. der Stalinismus. Diese Diktaturen, die hat man auch unter dem Begriff Totalitarismus versucht zusammenzufassen. Dieser Begriff, der kommt schon 1923 auf als eine Kritik am italienischen Faschismus. Da spricht ein italienischer Journalist von einem Systema Totalitario und dieses totalitäre System soll eben bedeuten, dass das ein System, ein politisches, das auf totale Kontrolle des Bürgers und des Staates aus ist. Und diese Deutung, die wird von den faschistischen Diktatoren durchaus ins Positive gewendet, auch für sich selbst verwendet, in dem Sinne, dass eben der Staat das Zentrum des Lebens seiner Bürger sein soll und eben alles für den Staat sozusagen gemacht werden muss und nicht für das Individuum, für den Einzelnen. Dahinter steckt also der Gedanke zunächst mal, dass man einen Anspruch auf eine totale Kontrolle des Staates über seine Bürger hat, dass man die Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft aller anderen verlangt. Das nennt sich auch Kollektivismus oder Anti-Individualismus. Die Mobilisierung großer Massen für diese Organisation eben in Form von Massenbewegungen. Die Herausforderung einer Kaderpartei, eben der Nationalsozialisten oder aber auch der italienischen Faschisten in der PNF oder eben auch der kommunistischen Partei im Falle der Sowjetunion. Wir haben dann außerdem eine ideologische Erziehung der Menschen in der Sowjetunion eben zum sogenannten neuen Mensch in der faschistischen Welt eben in Form eines rassistischen Weltbildes, das den Menschen beigebracht werden soll und eine Herrschaftsausübung, die über Terror funktioniert im Fall der Sowjetunion durch Säuberungen, den sogenannten großen Terror und im Fall der faschistischen Staaten eben zum Beispiel durch die Bildung von Konzentrationslagern, durch eine Geheimpolizei, durch die SS und so weiter. Diese antiliberalen Diktaturen, die sind sich also in vielerlei Hinsicht durchaus ähnlich, aber diesen direkten Vergleichsansatz, den kann man durchaus auch kritisieren. Wenn man sich zum Beispiel die Frage stellt, wie denn diese Massenmorde zustande kommen, dann stellt man fest, dass in der Sowjetunion viel von diesen Massenmorden, von diesem Terror eigentlich aus so einem eher chaotischen Zustand heraus entsteht, dass vieles davon aus der Bürokratie selbst kommt, dass also die Handlanger des Systems, die Verwaltungsbeamten und so weiter, die Polizeiangehörigen im Prinzip selbst den Terror immer weiter eskalieren lassen, weil sie eben selbst Angst vor zum Beispiel Konsequenzen für sich selbst haben, wenn sie die, das soll sozusagen nicht übererfüllen und deshalb dieser Terror ein Stück weit einfach aus sich heraus immer weiter sich radikalisiert. Bei Hitler und beim Nationalsozialismus dagegen lässt sich ganz klar zeigen, dass der Terror von ganz oben aus der Regierungsebene orchestriert ist, dass also der Terror eben gerade nicht von der Basis auskommt, sondern dass er eben von oben aufoktroyiert oder zumindest organisiert wird. Man kann auch durchaus kritisieren, dass dieser Totalitarismus, dieser Gedanke des totalitären Anspruchs des Staates ja auch eine Entschuldigung für die Leute sein kann, die daran mitgewirkt haben, diese Verbrechen zu begehen. Also wenn ein ehemaliger Konzentrationslagerkommandant sagt, er hat ja nur Befehle ausgeführt, die von oben kamen, weil das war ja ein totalitäres System und da konnte man sich ja nicht entziehen, weil ja der Staat die totale Kontrolle über alle hatte, dann klingt das ein bisschen wie eine Entschuldigung. Und man muss ja auch durchaus sagen, dass auch wenn ein Staat den Anspruch hat, er will die totale Kontrolle über die Gesellschaft haben, dann kann er diese totale Kontrolle ja nie erlangen, denn kein Staat der Welt kann seine Bevölkerung vollständig kontrollieren. Das geht ja einfach nicht.
Deutung der Diktaturen
Diese Diktaturen, die werden dann unterschiedlich charakterisiert. Das sind auch verschiedene Epochen der Geschichtsforschung, die da so ein bisschen sich drin spiegeln. Früher hat man vor allem von einer Modernisierungsdiktatur gesprochen. Das ist ein Begriff, der vor allem in den 50er Jahren auftaucht. Diese Idee der Modernisierungs- oder Entwicklungsdiktatur, die zielt darauf, dass diese Diktaturen eben versucht hätten, die alten Eliten zu zerschlagen, zum Beispiel den Adel oder die Kirche oder das Militär und eben deren Macht dann an sich zu reißen. Das Praktische daran ist, dass das auch für im Wesentlichen all diese Diktaturen ganz gut gilt. Zum Beispiel kann man eben bei der Bolschewiki zeigen, dass sie den Zar als Machtinstanz in Russland ausschalten und dessen Macht an sich reißen wollen. Und in Deutschland kann man durchaus auch sagen, dass in der Weimarer Republik noch viele alte Adelige an der Macht waren und dass die Nationalsozialisten da viele neue Leute an die Macht gespült haben. Aber ob das 100 Prozent zutrifft, ist eine gute Frage, denn auch viele von den alten Eliten der Weimarer Republik haben sich mit den Nationalsozialisten sehr gut arrangiert. Das ist in der stalinistischen Welt ein bisschen anders. Da werden diese alten Eliten tatsächlich zum allergrößten Teil beseitigt. Auf beiden Seiten kann man aber erkennen, dass eine junge, rational denkende, wissenschaftlich sozialisierte neue Elite entsteht. Das heißt, da wird ganz gezielt eine relativ junge Gruppe von Kadern der Partei in Amt und Würden gebracht und gefördert, damit hier sozusagen eine neue Elite entsteht, die die alten Eliten ablösen kann. Und das ist was, was auf beiden Seiten erkennbar ist. Faschismus und Stalinismus werden dann in diesem Zusammenhang oft als soziale Revolutionen bezeichnet. Also im Prinzip eine Revolution, die einen großen Umbruch vor allem in der Gesellschaft herbeiführen will. Das lässt sich sowohl für die Sowjetunion als auch für den Faschismus erkennbar nachvollziehen. Aber ob das sozusagen der Schwerpunkt der Betrachtung sein kann, das kann man sich doch sehr fragen, weil diese Diktaturen ja nicht nur eine Modernisierung der Gesellschaft und eine Abschaffung der alten Eliten anstreben, sondern auch vieles mehr. Eine andere Möglichkeit, diese Diktaturen zu deuten, ist der Begriff der Erziehungsdiktatur. Hier geht es also um den Gedanken, dass eine, in Anführungszeichen, erleuchtete Minderheit, die eben weiß, wie die Welt tickt, die die richtige Ideologie sozusagen erkannt hat, eine Avantgarde bildet, also eine Art gebildete, kluge Minderheit wird, die dann sozusagen für die anderen die ersten Schritte in Form einer neuen Welt prägt. Das heißt, die Diktatur, die hier erschaffen wird, die ist eigentlich nur vorübergehend oder es ist zumindest so gedacht. Denn irgendwann wird die Mehrheit der Menschen verstanden haben, zum Beispiel durch Erziehung oder Bildung oder Gleichschaltung, dass diese neuen Machthaber, die die Diktatur aufgebaut haben, ja eigentlich Recht haben, dass die also eigentlich die richtige Idee von dem System haben, das die Welt haben sollte. Und deshalb werden diese Menschen dann nach dieser Erziehungsdiktatur an einem Punkt ankommen, an dem sie, der Sozialismus würde sagen, neue Menschen werden und dann eben dieses neue System akzeptieren und als objektiv richtig ansehen. Auch dieses Gedankensystem ist in der Sowjetunion ganz eindeutig erkennbar und auch im Nationalsozialismus erkennt man, dass eben versucht wird, die Menschen von Kindheit an ganz stark für dieses neue rassistische System einzubinden und sie dahingehend zu erziehen, sodass die Menschen dann eben ganz klar erkennen, dass dieses System das Richtige ist.
Hitlers Volksstaat und die Singularität der NS-Verbrechen
2005 hat der Historiker Götz Ali Hitlers Volksstaat veröffentlicht, ein Buch, das den Nationalsozialismus als eine sogenannte Gefälligkeitsdiktatur charakterisiert. Mit diesem Gedanken der Gefälligkeit ist gemeint, dass also die, insbesondere die Juden zugunsten der Volksgemeinschaft von den Nationalsozialisten ausgebeutet werden, dass also deren verlorenes Eigentum dann ja an die, in Anführungszeichen, arischen Deutschen fließt und sie davon einen direkten materiellen Gewinn haben. Und dieses korrupte Verhältnis zwischen NS-Herrschern und Bevölkerung nennt er dann eben eine Gefälligkeitsdiktatur. Das heißt, hier herrscht auf Basis von Geben und Nehmen ein Einverständnis zwischen der Bevölkerung und seinem Diktator, weil man eben materiell dafür entschädigt wird, dass man seine Freiheit abgegeben hat. So sieht es Götz Ali. Er spricht dann von kriminellen Techniken der Haushaltspolitik, also der Finanzpolitik. Er sagt, dass im Prinzip der Staat Hitlers sich für soziale Maßnahmen völlig verschuldet, um eben die Bevölkerung in Frieden zu halten und glücklich zu machen und dabei schon spekuliert, dass diese extreme Verschuldung eigentlich nur funktionieren kann, wenn man nachher einen Krieg führt und gewinnt. Das heißt, schon ab 1934, 1935 lebt der Nationalsozialismus, der dann ganz intensiv Politik für seine Bevölkerung macht, eigentlich nur davon, dass er Schulden macht, die er hofft, später mit einem Krieg wieder reinholen zu können, was natürlich letztlich eine Form von Haushaltspolitik ist, die hochgradig unverantwortlich und unvernünftig erscheint. Die sogenannte Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen, die meint, dass eben, kann man ja wörtlich übersetzen, die nationalsozialistischen Verbrechen einzigartig seien. Singular, kennt man aus der Grammatik, ist was für Einzelnes. Dahinter steckt der Gedanke, dass der NS-Terror, das ist also der Holocaust, die Schwa, die Vernichtung des Judentums und so weiter, mit nichts vergleichbar sei, dass es also kein anderes Verbrechen in der Menschheitsgeschichte gäbe, das ansatzweise so extrem, so grausam und so weiter sei. Das ist natürlich deswegen schwierig, weil ein Vergleich in der Geschichte ganz grundsätzlich immer problematisch ist und das rührt aus dem sogenannten Historikerstreit aus dem Jahr 1986. Da hat man sich in Deutschland und auch in anderen europäischen Staaten die Frage gestellt, kann man überhaupt den Holocaust mit dem sowjetischen System vergleichen. Denn während der Holocaust eine von oben orchestrierte Vernichtungsaktion ist, ganz durchindustrialisiert mit Beteiligung großer Teile der deutschen Infrastrukturwelt und einiger großer Player der Industrie, ist das sowjetische Gulag-System ja eigentlich nicht auf Vernichtung ausgelegt, sondern da geht es vor allem darum, politische Gegner wegzusperren und eigentlich auch gar nicht so sehr um die körperliche Vernichtung, so wie das bei den Nationalsozialisten der Fall ist. Das heißt, dieser unmittelbare Wunsch nach wirklich physischer Vernichtung des, in Anführungszeichen, Gegners, den die Nationalsozialisten haben, den haben die Stalinisten nicht. Und damit ist natürlich das sehr, sehr schwierig und in meinen Augen auch falsch, die Verbrechen des Holocaust da mit dem Gulag zu vergleichen. Aber diesen Streit, den haben eben 1986 einige sehr prominente deutsche Historiker miteinander geführt. Und dahinter steckt immer wieder der gleiche Gedanke, wie wichtig ist denn eigentlich der Holocaust für die deutsche Erinnerungskultur? Inwiefern prägt er denn heute unser Denken über Geschichte und darüber, wer wir als Deutsche sind? Und da kann man schon sagen, dass der Holocaust eine unfassbar bedeutsame Rolle für die deutsche Erinnerungskultur spielt. Er dominiert in hohem Maße bis heute politische Diskussionen. Erinnerungskultur ist was Hochpolitisches, weil es ja ganz direkt definiert, wie man sich als Staat eigentlich selbst sieht. Und wenn wir in Deutschland über den Holocaust sprechen als ein Ereignis, das genauso gefährlich oder genauso schlimm war wie der Gulag, dann wird das ein Stück weit relativiert. Wohingegen, wenn man sich bewusst macht, dass eben der Holocaust ein ziemlich einzigartiges Menschheitsverbrechen ist und wenn man sich auch bewusst macht, inwiefern Deutschland heute in der Lage ist, dazu zu stehen, inwiefern die Deutschen heute in der Lage sind, zu reflektieren, welche Rolle sie da in der Welt gespielt haben oder ihre Vorfahren in der Welt gespielt haben, dann ist das eigentlich auch ein Grund für einen gewissen Nationalstolz, wenn ich eben einen Staat habe, der eingesehen hat, dass bestimmte historische Entwicklungen einfach eine Katastrophe waren und dass man daraus versucht zu lernen. Das wäre ja eigentlich auch was, worauf man durchaus stolz sein dürfte und das wäre vielleicht ein etwas reflektierterer Nationalstolz, als wenn man einfach in der Nordkurve steht und Deutschland brüllt.
Wir haben heute über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der antiliberalen Modernisierungsdiktaturen im 20. Jahrhundert gesprochen. Wir haben die Begriffe Totalitarismus, Modernisierungsdiktatur, Erziehungsdiktatur, Gefälligkeitsdiktatur und die Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen thematisiert. Diese Begriffe sind Teil des Bildungsplans für das zweite Halbjahr der Kursstufe in Geschichte. Bitte denkt daran, dass ich dabei immer dem Bildungsplan von Baden-Württemberg folge, weil ich da selbst Geschichte unterrichte. Die Bildungspläne sind sich zwar in allen Ländern ähnlich, aber wenn ihr in einem anderen Bundesland lernt, dann werft zur Sicherheit einen Blick auf euren eigenen Bildungsplan, damit ihr immer gut vorbereitet seid. Wenn euch die Folge geholfen oder gefallen hat, lasst gerne einen Kommentar da, abonniert den Podcast und teilt ihn mit Freunden und Bekannten, die sich auch auf Klassen arbeiten und das Abitur vorbereiten. Ich freue mich über jeden Hörer und danke euch fürs Zuhören. Bleibt mir treu!