Shownotes
Die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten war letztlich eine ganz normale, "demokratische" Machtübernahme - und zugleich eine Serie skrupelloser Verfassungsbrüche. Wir sprechen heute über:
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"Machtergreifung" oder "Machtübernahme",
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die NSDAP,
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Pseudolegalität,
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"Gleichschaltung",
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Diktatur,
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Massenmobilisierung,
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Massenorganisation,
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Massenkultur und Propaganda,
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Vierjahresplan,
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Aufrüstung,
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"sozialer Volksstaat".
Transkript
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933
Willkommen bei geschichtslehrer.net. Mit diesem Podcast möchte ich euch verständlich und kurzweilig auf Klassenarbeiten und das Abitur im Fach Geschichte vorbereiten. Heute sprechen wir über den Machtgewinn der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und den Folgejahren.
Der Fachbegriff für die Übernahme der Macht durch Hitler 1933 lautet „Machtergreifung“. Dieser Begriff wurde von den Nationalsozialisten selbst geprägt, da er den Eindruck erweckt, als hätten sie die Macht gegen den Willen der alten Herrscher erobert – ähnlich einer Revolution. Historisch betrachtet ist dies jedoch falsch: Die NSDAP erlangte die Macht durch Wahlen und demokratische Prozesse. Sie bildete eine Regierungskoalition mit der DNVP und dem Stahlhelm, also mit rechtsnationalistischen Parteien, und nutzte diese Position, um durch Gewaltmaßnahmen und Terror die Demokratie schrittweise auszuhöhlen.
Der Begriff „Machtergreifung“ suggeriert einen revolutionären Akt, der nie stattfand. Stattdessen handelte es sich um eine Machtübernahme oder Machtübergabe. Hitlers ursprünglicher Plan sah anders aus: 1923 versuchte er durch den Münchner Putsch, die Herrschaft an sich zu reißen. Dieser scheiterte jedoch, als die Polizei die demonstrierenden Nationalsozialisten niederschoss und verhaftete. Hitler wurde inhaftiert und verfasste im Gefängnis sein Buch „Mein Kampf“. Die rechtliche Aufarbeitung des Putsches war zwar nicht vollständig rechtsstaatlich, doch immerhin wurde er verurteilt, statt in die Regierung aufzusteigen.
1933 änderte sich die Situation: Hitler bildete eine Koalition mit rechten Parteien und wurde Reichskanzler. Gemeinsam mit Reichspräsident Hindenburg, dem damaligen Staatsoberhaupt der Weimarer Republik, wandelte er die Demokratie innerhalb weniger Monate in eine Diktatur um. Dies gelang durch Gesetze, die ihm zunehmend mehr Macht sicherten, sowie durch die Einschüchterung anderer Parteien mittels Gewalt.
Drei zentrale Daten markieren diesen Prozess im Jahr 1933:
- 1. Februar: Der Reichstag wird aufgelöst. Durch diese Auflösung konnte Reichspräsident Hindenburg Notverordnungen erlassen, die Gesetze am Parlament vorbei ermöglichten.
- 28. Februar: Die Reichstagsbrandverordnung wird erlassen. Sie folgte auf den Reichstagsbrand, dessen Urheberschaft bis heute ungeklärt ist. Die Nationalsozialisten machten einen kommunistischen Attentäter verantwortlich. Die Verordnung setzte Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit außer Kraft und ermöglichte es der Regierung, legal gegen politische Gegner vorzugehen.
- 24. März: Das Ermächtigungsgesetz wird verabschiedet. Es erlaubte Hitler, Gesetze ohne parlamentarische Kontrolle zu erlassen und machte ihn zum Alleinherrscher. Für die Verabschiedung war eine Zweidrittelmehrheit erforderlich.
Da das Parlament nicht aus einer Zweidrittelmehrheit rechtsnationalistischer Parteien bestand, griffen die Nationalsozialisten zu kreativen Mitteln: Sie postierten SA-Männer im Reichstag, um Abgeordnete einzuschüchtern, und erklärten die KPD für illegal, sodass ihre Abgeordneten nicht an der Abstimmung teilnehmen konnten. Zudem änderten sie die Geschäftsordnung des Reichstags, sodass abwesende Abgeordnete als anwesend galten. Alle Parteien außer der SPD stimmten schließlich für das Gesetz. Die Rede des SPD-Abgeordneten Otto Wels, in der er erklärte: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“, gilt als einer der mutigsten Momente der deutschen Parlamentsgeschichte.
Die Nationalsozialisten bezeichneten ihre Machtübernahme als „nationale Revolution“ und stellten sie in die Tradition großer Volksbewegungen wie der Französischen Revolution. Tatsächlich handelte es sich jedoch um einen „Putsch von oben“ – eine Minderheit übernahm die Macht. Die NSDAP erreichte nie eine absolute Mehrheit in freien Wahlen.
Der Historiker Hans-Ulrich Wehler prägte den Begriff der „totalitären Revolution“, die auf die Errichtung eines totalitären Systems abzielte. Letztlich war die Machtübernahme ein demokratischer Prozess, da rechte Parteien mit großer Mehrheit gewählt wurden.
Der Name der NSDAP – Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei – ist widersprüchlich: Er kombiniert nationale, sozialistische und völkische Elemente, um verschiedene Milieus anzusprechen. Hitlers Strategie, die Macht zu erlangen und zu sichern, wird als „Pseudo-Legalität“ bezeichnet. Zwar wurden Verfassungsbrüche begangen, doch durch die formale Einbindung von Reichspräsident und Parlament erschien der Prozess legal.
Die Gleichschaltung der Gesellschaft
Nach der Machtübernahme folgte die „Gleichschaltung“ der Gesellschaft. Ziel war es, alle zivilgesellschaftlichen Organisationen auf die NS-Ideologie auszurichten. Dies betraf Parteien, Vereine, Verbände, Gewerkschaften und Medien. Kritische Zeitungen wurden verboten oder gleichgeschaltet, um oppositionelle Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Die Gleichschaltung war in vielen Bereichen erfolgreich, doch in Institutionen wie der Kirche blieben kritische Stimmen bis zum Ende des Nationalsozialismus bestehen.
Massenmobilisierung, Massenorganisation und Massenkultur
Der Nationalsozialismus war eine Massenbewegung, die sich durch drei zentrale Begriffe beschreiben lässt:
- Massenmobilisierung: Durch emotionale Propaganda – etwa die Schaffung gemeinsamer Feindbilder wie des „Weltjudentums“ oder des Versailler Vertrags – wurde ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, um die Bevölkerung für die Ziele der NSDAP zu gewinnen.
- Massenorganisationen: Vereine wie die Hitlerjugend (HJ), der Bund Deutscher Mädel (BDM) oder die SA banden Millionen Menschen ein und schufen ein Gemeinschaftsgefühl. Diese Organisationen dienten auch der paramilitärischen Ausbildung.
- Massenkultur: Durch Medien wie Radio, Kino und Zeitungen wurde Propaganda verbreitet. Filme wie „Jud Süß“ oder „Der ewige Jude“ schürten antisemitische Stereotype, während „Bismarck“ nationalistische Ideale feierte. Sprachliche Manipulationen – etwa die positive Besetzung des Begriffs „fanatisch“ – verstärkten die NS-Propaganda.
Der Vierjahresplan und die Aufrüstung
Ein zentrales Element der NS-Politik war der Vierjahresplan, der ab 1936 die wirtschaftliche und militärische Aufrüstung Deutschlands vorantrieb. Hitler argumentierte, Deutschland sei überbevölkert und könne sich nicht selbst ernähren, weshalb ein Krieg gegen die Sowjetunion zur Eroberung von „Lebensraum“ notwendig sei.
Die Aufrüstung begann bereits in der Weimarer Republik, wurde aber unter den Nationalsozialisten massiv ausgeweitet. 1935 wurde die Wehrpflicht eingeführt, und 1938 flossen bereits 20 % des Bruttoinlandsprodukts in die Rüstung – ein Vielfaches des heutigen NATO-Ziels von 2 %. Die Finanzierung erfolgte durch Kredite, was zu einer enormen Staatsverschuldung führte. Einige Historiker argumentieren, dass diese Schuldenpolitik den Krieg unausweichlich machte, da die Nationalsozialisten keine andere Möglichkeit sahen, die Kredite zurückzuzahlen, als durch die Ausplünderung besiegter Staaten.
Der Historiker Götz Aly bezeichnete die NS-Wirtschaftspolitik als „sozialen Volksstaat“: Ein Regime, das das Wohl der eigenen Bevölkerung förderte, dies jedoch durch Krieg, Mord und die Ausbeutung anderer Völker finanzierte.
Fazit
Wir haben heute die Machtübernahme der Nationalsozialisten, die Begriffe „Machtergreifung“, „Pseudo-Legalität“, „Gleichschaltung“, „Massenmobilisierung“, „Massenorganisation“, „Massenkultur“, den Vierjahresplan und die Aufrüstung sowie den „sozialen Volksstaat“ behandelt. Im nächsten Teil werden wir die Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus, insbesondere im Umgang mit Gegnern, vertiefen.
Diese Themen sind Teil des Bildungsplans für die Kursstufe in Geschichte. Da ich nach dem Bildungsplan Baden-Württembergs unterrichte, empfehle ich euch, bei abweichenden Lehrplänen in eurem Bundesland nachzuschlagen.
Wenn euch die Folge gefallen hat, freue ich mich über Kommentare, Abos und Weiterempfehlungen. Vielen Dank fürs Zuhören!