Shownotes
In dieser Folge besprechen wir
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Putsch,
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Militärdiktatur,
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Revolution und
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die Kuba-Krise.
Transkript
Das Ende des Golden Age: Wirtschaftliche Umbrüche in den 1970er und 1980er Jahren
Wenn wir im Unterricht über Industrialisierung reden, geht es meist um Eisenbahnen, Fabriken, Schwerindustrie und ähnliche Themen. Menschen, die zuvor von Hand Unterhosen nähten, verloren plötzlich ihre Jobs, weil neue Maschinen diese Arbeit schneller und günstiger erledigten. Das ist typisch für das 19. Jahrhundert. Doch Industrialisierung umfasst alle Formen technischen Fortschritts – im Grunde bis heute. Auch heute brechen ganze Branchen über Nacht zusammen, weil neue Erfindungen sie überflüssig machen. Das nennt man Strukturwandel: tiefgreifende Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen.
In den 1970er und 1980er Jahren erlebte Westeuropa große wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche. Die Ölkrise, Stagflation, Sockelarbeitslosigkeit und die beginnende Digitalisierung prägten diese Ära. Es war das Ende des sogenannten Golden Age, einer Phase verbreiteten Wohlstands, Wachstums und großer Sicherheit, die in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg angehalten hatte.
Das Golden Age und sein Ende
Die Nachkriegszeit brachte Westeuropa ein goldenes Zeitalter wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre steht exemplarisch für diese Phase, in der es vielen Menschen wirtschaftlich gut ging – nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderen westeuropäischen Staaten und den USA. Man war überzeugt, dass diese Staaten zukünftige Krisen souverän bewältigen würden.
Doch 1973 markierte die erste Ölkrise einen Wendepunkt. Sie traf Westeuropa und die USA unvorbereitet. Auslöser war der Nahostkonflikt, der bereits seit Jahrzehnten schwelte. Die mächtigen Ölförderstaaten hatten sich 1960 in der OPEC zusammengeschlossen, vor allem arabische Staaten unter Führung Saudi-Arabiens. Gemeinsam konnten sie den vom Öl abhängigen Westen politisch unter Druck setzen.
1973 griffen einige arabische Nachbarstaaten Israel im sogenannten Jom-Kippur-Krieg an. Weil westliche Staaten, insbesondere die USA, Israel unterstützten, setzten die OPEC-Staaten ihr Öl als politische Waffe ein. Sie drosselten die Produktion, sodass der Ölpreis explodierte. Plötzlich kosteten Benzin und Heizöl ein Vielfaches des üblichen Preises. Die industrialisierten Staaten, die stark von Öl abhängig waren, sahen sich mit enormen Mehrkosten konfrontiert. Die OPEC-Staaten nutzten dies, um politische Zugeständnisse im Nahostkonflikt zu erpressen.
In der Bundesrepublik führte dies unter anderem zu autofreien Sonntagen, an denen das Autofahren verboten war, um Benzin zu sparen. Bilder leerer Autobahnen gingen um die Welt und wurden zum Symbol für die Stagnation und das einbrechende Wirtschaftswachstum.
Das Scheitern des Bretton-Woods-Systems
Doch die Ölkrise war nur ein Teil des Problems. Von 1949 bis in die 1970er Jahre hatte das Bretton-Woods-System die Wirtschaften des Westens stabilisiert. Diese Währungsordnung, benannt nach dem Konferenzort Bretton Woods, sollte extreme Wirtschaftskrisen wie 1929 verhindern, die in Europa dem Faschismus den Weg geebnet hatten. Der US-Dollar wurde zur Leitwährung, an die sich andere Währungen banden. Die Staaten waren verpflichtet, ihre Währungen durch Eingriffe stabil zum Dollar zu halten, um Inflation zu vermeiden.
Zwischen 1970 und 1973 zeigten sich jedoch immer mehr Schwächen dieses Systems, bis es 1973 offiziell außer Kraft gesetzt wurde. Die Kombination aus Ölkrise und freien Wechselkursen führte zu einer gefährlichen Mischung: der Stagflation – einer Verbindung aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation.
Normalerweise entwickeln sich Inflation und Wirtschaftswachstum in einem bestimmten Verhältnis. In einer Stagnationsphase bleiben die Preise meist stabil. In den 1970er Jahren war dies jedoch anders: Die Preise stiegen, während die Wirtschaft stagnierte und Arbeitsplätze verloren gingen. Die Menschen verfügten über weniger Geld, während viele Produkte immer teurer wurden. Da sich weniger Menschen diese teuren Produkte leisten konnten, gingen Firmen pleite, was weitere Arbeitsplätze kostete. Es entstand ein wirtschaftlicher Teufelskreis.
Strukturwandel und Sockelarbeitslosigkeit
Neben der Ölkrise und der Stagflation vollzog sich in den 1970er und 1980er Jahren ein massiver Strukturwandel. Westeuropa entwickelte sich zunehmend von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Die Stahl- und Kohleindustrie verloren an Bedeutung oder verlagerten sich ins Ausland, wo die Produktion günstiger war. Millionen Arbeitsplätze in Bergwerken, Stahlwerken und der Textilindustrie verschwanden.
Wer konnte, musste umschulen und einen neuen Beruf erlernen. Wer dies nicht schaffte, wurde zum Langzeitarbeitslosen. Gleichzeitig drängten die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer (1950–1963) auf den Arbeitsmarkt. Es gab erheblich mehr Arbeitssuchende als verfügbare Jobs. Die daraus resultierende, anhaltende Arbeitslosigkeit – selbst in Phasen wirtschaftlicher Erholung – wurde als Sockelarbeitslosigkeit bezeichnet: ein hartnäckiger Bodensatz an Arbeitslosigkeit, der kaum noch unterschritten wurde.
Anders als in den 1950er und 1960er Jahren, als Vollbeschäftigung ein realistisches Ziel war, schien für viele gering qualifizierte Menschen Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit nun unerreichbar. Diese Entwicklungen führten zu großen Ängsten und gesellschaftlichen Spannungen. Man befürchtete, dass bis zu einem Drittel der Bevölkerung dauerhaft vom wirtschaftlichen Aufschwung ausgeschlossen bleiben könnte. Während zwei Drittel der Gesellschaft weiter am Wohlstand teilhatten, drohte das letzte Drittel – bestehend aus Langzeitarbeitslosen und wirtschaftlich Abgehängten – zu einer neuen Unterschicht ohne Zukunftsperspektive zu werden. Zeitgenossen sprachen von einer drohenden Zweidrittelgesellschaft.
Der Aufstieg des Neoliberalismus
Einige westliche Staaten, insbesondere Großbritannien und die USA, suchten eine Lösung für die Krise im Neoliberalismus – einem radikalen Wirtschaftsliberalismus. Hier erlebte man eine Gegenbewegung zum Keynesianismus und zum New Deal, da staatliche Eingriffe in die Wirtschaft die Krisen der 1970er offenbar nicht lösen konnten.
Der Neoliberalismus propagierte einen schlanken Staat und möglichst wenig Marktregulierung – ähnlich wie bei Adam Smiths Idee der „unsichtbaren Hand des Marktes“. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher und US-Präsident Ronald Reagan wurden zu prominenten Verfechtern dieser Ideologie. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert oder geschlossen, Steuern gesenkt, Sozialausgaben gekürzt und die Finanzbranche dereguliert. Diese Politik prägte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Klima in Großbritannien nachhaltig. Es ist kein Zufall, dass London heute ein globaler Hotspot des Investmentbankings ist.
Gegenwehr der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, etwa die Bergarbeiterstreiks von 1984 gegen die Schließung von Bergwerken, wurde teils gewaltsam unterdrückt. In Einzelfällen prügelten berittene Polizisten streikende Arbeiter zurück in die Betriebe. Die britische Regierung setzte sich in diesem ungleichen Machtkampf durch. Unzählige Betriebe der klassischen Industrie brachen zusammen, und die Gewerkschaften verloren für Jahre an Einfluss. Bis heute wird Margaret Thatcher in der britischen Arbeiterschicht kritisch gesehen. Ein bekannter Witz über ihren Tod lautet: „Margaret Thatcher ist vor sechs Stunden in der Hölle angekommen. Es sind schon drei Öfen geschlossen worden.“
Digitalisierung und Automatisierung
Wir haben bereits über Industrialisierung und Strukturwandel gesprochen – über das Problem, dass technischer Fortschritt Berufe automatisiert und Menschen umschulen oder ihre Jobs verlieren müssen. Das klingt nach dem 19. Jahrhundert, doch mit der Erfindung der Computer erlebte der Westen einen ähnlichen Prozess. Automatisierung und Computerisierung veränderten die Arbeitswelt grundlegend. Maschinen und Computer übernahmen körperliche Aufgaben, während die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften in Elektronik und Datenverarbeitung stieg.
Wer eine Tabellenkalkulation am Computer bedienen konnte, rechnete schneller, genauer und günstiger als der beste Buchhalter, der von Hand arbeitete. Diese technologische Entwicklung beschleunigte den Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft und gefährdete Millionen Arbeitsplätze. Im Jahr 2024 bedroht künstliche Intelligenz erneut unzählige Jobs. Vielleicht kommt schon morgen eine KI auf den Markt, die Geschichte billiger, verständlicher und effektiver unterrichten kann als ich. Dann hätte auch ich nur zwei Möglichkeiten: mich zum KI-Spezialisten umschulen oder unter die Räder des Strukturwandels geraten.
Fazit
Wir haben heute über das Ende des Golden Age gesprochen, das durch die Ölkrise, Stagflation und Sockelarbeitslosigkeit eingeläutet wurde und in einen tiefgreifenden Strukturwandel mündete. Wir haben das Schreckgespenst der Zweidrittelgesellschaft und den Neoliberalismus behandelt, mit dem Großbritannien und die USA auf diese Krisen reagierten. Abschließend ging es um den Beginn der Digitalisierung, die unsere Welt bis in die Zukunft durch immer neue technologische Neuerungen verändern wird.