Shownotes
Wie organisieren die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges den Wiederaufbau der zerstörten Staaten in Europa? Wir sprechen über:
-
den eisernen Vorhang,
-
parlamentarische Demokratie und Volksdemokratie,
-
Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft,
-
Blockbildung,
-
Marshallplan
-
und die Frage der Legitimität dieser neuen staatlichen Ordnungen in Europa.
Transkript
Die Nachkriegsordnung in Europa nach 1945
Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. 1945 endet der Eroberungsfeldzug der Nationalsozialisten. In Europa stehen die Armeen und die Menschen an Orten, an denen sie vorher nicht waren – alles ist unübersichtlich. In diesem Augenblick treffen die Rote Armee der Sowjetunion und die Armeen der Westmächte, vor allem Großbritanniens, der USA und Frankreichs, an einer Demarkationslinie quer durch Europa und insbesondere durch Deutschland aufeinander. Diese Linie wird mit der Zeit immer fester, denn die ehemaligen Verbündeten entfremden sich rapide voneinander. Der gemeinsame Feind ist besiegt, und nun wird sichtbar, wie unterschiedlich die Systeme sind.
In kürzester Zeit entwickelt sich aus dieser zunehmenden Antihaltung eine immer schärfere Opposition zwischen den beiden Blöcken, getrennt durch den sogenannten „Eisernen Vorhang“. Dieser Begriff symbolisiert die Schärfe der Trennung zwischen den liberalen Demokratien im Westen und den sozialistischen Staaten im Osten. Die sichtbarste Ausprägung dieses Vorhangs ist die Berliner Mauer, die physisch die beiden Seiten trennt.
Politische Systeme: Parlamentarische Demokratie vs. Volksdemokratie
Im Westen etabliert sich ein politisches System, das auf parlamentarischer Demokratie basiert. Die Siegermächte – USA, Großbritannien und Frankreich – verbreiten dieses System in den von ihnen kontrollierten Gebieten, da sie es für das beste halten. Die parlamentarische Demokratie ist gekennzeichnet durch freie Wahlen, Parlamentarismus und Pluralismus. Es gibt ein Mehrparteiensystem, in dem unterschiedliche politische Richtungen miteinander konkurrieren. Zudem existiert eine Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative, auch wenn der Begriff „Gewaltenteilung“ eher als „Gewaltenverschränkung“ zu verstehen ist, da die Gewalten miteinander interagieren.
Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs entstehen sozialistische Systeme mit der sogenannten „Volksdemokratie“. Dieser Begriff suggeriert Demokratie, doch in der Praxis handelt es sich um Einparteiensysteme, in denen eine kommunistisch-sozialistische Kaderpartei die alleinige Macht besitzt. Freie Wahlen sind ausgeschlossen; gewählt wird nur innerhalb dieser Partei. Die kommunistische Ideologie geht davon aus, dass die Partei die „richtigen“ Kandidaten ausbildet, die ein kommunistisches Weltbild vertreten. Faktisch führt dies zu einer Einheitsmeinung mit nur geringfügigen Abweichungen.
Diese Volksdemokratien – wie die DDR, Polen, Tschechien oder Ungarn – sind eng an die Sowjetunion gebunden. Die kommunistische Partei der Sowjetunion kontrolliert die Parteien in diesen Satellitenstaaten, sodass sie keine vollständige Souveränität besitzen.
Wirtschaftssysteme: Marktwirtschaft vs. Zentralverwaltungswirtschaft
Wirtschaftlich unterscheiden sich Ost und West grundlegend. Im Westen herrscht eine klassische Marktwirtschaft, in Deutschland als „soziale Marktwirtschaft“ bekannt. Privateigentum ist der Normalfall, und Unternehmertum wird gefördert. Die Wirtschaft funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, wobei der Wettbewerb die Anbieter zu ständiger Verbesserung antreibt. Der Staat übernimmt eine Vermittlerrolle: Er schützt wirtschaftlich Schwache, sorgt für faire Bildungschancen und vermittelt in Tarifkonflikten, ohne jedoch die Wirtschaft direkt zu lenken.
Im Osten hingegen dominiert die Zentralverwaltungswirtschaft. Der Staat entscheidet, was produziert wird, in welchen Mengen und mit wie vielen Arbeitskräften. Unternehmen sind verstaatlicht oder kollektiviert, wie in der Landwirtschaft durch Kolchosen. Privateigentum ist weitgehend abgeschafft, da der Kommunismus die Ungerechtigkeit des Besitzes weniger an Produktionsmitteln beseitigen will. Die Arbeiter verwalten die Betriebe, doch die Ziele werden vom Staat vorgegeben.
Historisch betrachtet war die Zentralverwaltungswirtschaft wenig erfolgreich. Stalin versuchte in den 1930er-Jahren mit Fünfjahresplänen, die Wirtschaft zu steuern, löste damit jedoch Lebensmittelkrisen aus, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Für militärische Zwecke funktionierte das System, doch für die zivile Wirtschaft erwies es sich als untauglich.
Blockbildung und militärische Bündnisse
Die Auseinanderentwicklung der Systeme führt zur Blockbildung. Die Staaten orientieren sich entweder am Westen oder am Osten, was den Alltag der Menschen prägt und die Unterschiede vertieft. Der Eiserne Vorhang wird immer undurchlässiger.
Diese Blockbildung führt zur Gründung militärischer Bündnisse: Der Westen gründet die NATO (North Atlantic Treaty Organization), ein Verteidigungsbündnis unter Führung der USA. Der Osten antwortet mit dem Warschauer Pakt unter sowjetischer Führung. Beide Bündnisse stehen sich feindselig gegenüber, bereit zum Angriff oder zur Verteidigung.
Wirtschaftlich sind die Blöcke weitgehend abgeschottet. Die Sowjetunion handelt vor allem mit ihren „Bruderstaaten“, während der Westen versucht, möglichst wenig mit dem Osten zu handeln. Dennoch gibt es Ausnahmen: Die BRD unterstützt die DDR finanziell, was sogar als ein Faktor für den späteren Zusammenbruch der DDR diskutiert wird.
Der Marshallplan: Wirtschaftliche Hilfe mit politischem Kalkül
Ein zentraler Mythos der Nachkriegszeit ist der Marshallplan. Dieses US-amerikanische Hilfsprogramm soll westeuropäischen Staaten beim Wiederaufbau helfen. Offiziell steht es allen Staaten offen, doch die Sowjetunion verhindert, dass ihre Satellitenstaaten teilnehmen, um dem ideologischen Gegner keinen Legitimitätsbonus zu verschaffen.
Hinter dem Marshallplan steckt jedoch mehr als reine Menschenliebe. Die USA wollen durch wirtschaftlichen Erfolg die Akzeptanz der demokratischen Ordnung stärken. Wenn es den Menschen wirtschaftlich gut geht, akzeptieren sie eher das politische System – eine Strategie, die bereits Hitler mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen verfolgte. Der Marshallplan ist erfolgreich: Er trägt maßgeblich zum „Wirtschaftswunder“ in Westeuropa bei, auch wenn der Begriff „Wunder“ irreführend ist, da der Plan gezielte Hilfe leistete.
Legitimität der Nachkriegsordnung
Man könnte argumentieren, dass die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs – vor allem die USA und die Sowjetunion – ihre Systeme in Europa durchsetzten und die eroberten Gebiete unter ihre Kontrolle brachten. Die Sowjetunion installierte in Osteuropa illiberale Systeme, die von Moskau abhängig blieben und bei Widerstand gewaltsam unterdrückt wurden, wie beim Prager Frühling 1968.
Im Westen verlief die Entwicklung anders. Die liberalen Demokratien gewannen zunehmend an Souveränität. Zwar gab es anfangs noch Besatzungsmächte, doch mit der Zeit – spätestens mit den Zwei-plus-Vier-Verträgen in den 1990er-Jahren – wurde Deutschland ein vollständig souveräner Staat.
Die Frage nach der Legitimität dieser Nachkriegsordnung ist komplex. Die Bevölkerung wurde nicht gefragt, sondern die Systeme von oben vorgegeben. Dennoch garantiert die liberale Demokratie im Westen erhebliche Freiheiten, während die sozialistischen Systeme im Osten diktatorische Züge trugen.
Zusammenfassung der zentralen Begriffe
Wir haben die Herausbildung der Nachkriegsordnung mit ihren gegensätzlichen Systemen besprochen: den Eisernen Vorhang, parlamentarische Demokratie und Volksdemokratie, Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft, Blockbildung und den Marshallplan. Diese Themen sind Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr der Kursstufe in Geschichte – orientiert am Lehrplan Baden-Württembergs. Falls ihr in einem anderen Bundesland lernt, vergleicht bitte euren eigenen Bildungsplan.