Shownotes
Der 9. November ist in der deutschen Geschichte kein Datum wie jedes andere: An keinem anderen "Erinnerungstag" haben sich demokratische wie diktatorische Systeme so abgearbeitet wie an diesem Datum. Wir sprechen heute über folgende Themen:
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Was ist Erinnerungskultur?
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Novemberrevolution am 9. November 1918,
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Hitlerputsch am 9. November 1923,
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Novemberpogrome am 9. November 1938,
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Elser-Attentat am 9. November 1939,
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und den Mauerfall am 9. November 1989.
Transkript
Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und seine Folgen
Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle: Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen. Der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. Dieser Auszug aus Richard von Weizsäckers Rede aus dem Jahr 1985 zeigt die extreme Bedeutung, die das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Erinnerungskultur nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt und insbesondere in Europa hat.
Wir sprechen heute über die Lage in Europa im Jahr 1945 und wie es danach weiterging. Am 8. Mai 1945 kapituliert Deutschland, und der Zweite Weltkrieg in Europa ist mehr oder minder zu Ende – zumindest für Deutschland. Das tatsächliche Ende des Zweiten Weltkriegs gestaltet sich jedoch unterschiedlich. In Frankreich war bereits Ende 1944 das Territorium im Wesentlichen durch die Alliierten befreit. Japan kämpfte noch bis in den August gegen die USA, bis die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen.
Die Folgen des Krieges: Zerstörung und Vertreibung
Der Zweite Weltkrieg hinterließ ein Schlacht- und Trümmerfeld. Es gab ungefähr 80 Millionen Tote weltweit und etwa 40 Millionen sogenannte Displaced Persons – Menschen, die nicht mehr in ihrer Heimat waren, sondern aus unterschiedlichsten Gründen woanders lebten. Der Friede in Europa war äußerst brüchig, und die Zeichen des Kalten Krieges wurden bereits sichtbar.
Diese Displaced Persons waren vor allem Zwangsarbeiter, die von den Nationalsozialisten eingesetzt wurden, um die Rüstungsindustrie am Laufen zu halten, während ein großer Teil der Männer an der Front kämpfte. Dazu kamen KZ-Insassen, die nun ihrer Heimat entrissen irgendwo im polnischen oder deutschen Einflussgebiet waren und vor der Frage standen, wie sie wieder nach Hause kommen sollten.
Parallel dazu stand die Rote Armee in allen Staaten zwischen der Sowjetunion und Deutschland, während die Alliierten in den Gebieten zwischen Frankreich und Deutschland positioniert waren. Sie trafen sich an der Demarkationslinie in Berlin, ungefähr dort, wo später die Berliner Mauer stehen sollte. Dies führte zu einem hohen Maß an Besetzung und Chaos in Europa. Die Rote Armee beging auf ihrem Weg durch Europa zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung, was auf die extreme Brutalisierung des Krieges zurückzuführen war.
Die Teilung Europas und der Beginn des Kalten Krieges
In Osteuropa wurde deutlich, dass der Stalinismus in viele Staaten exportiert werden sollte. Die Sowjetunion versuchte, osteuropäische Staaten unter ihre Kontrolle zu bringen und sozialistische Marionettenregime zu errichten. Viele Menschen flohen vor dieser drohenden Stalinisierung in den Westen. Dies führte zu massiven Migrationsbewegungen und Zwangsumsiedlungen. Die Sowjetunion verlegte die Grenze Polens weiter nach Westen, wodurch große Gebiete ethnisch vereinheitlicht werden sollten. Menschen, die aus Sicht der Machthaber nicht in diese Gebiete passten, wurden vertrieben oder umgesiedelt.
Besonders betroffen von diesen Zwangsumsiedlungen waren die sogenannten Volksdeutschen in osteuropäischen Staaten wie Rumänien oder Polen. Diese Menschen wurden in Richtung Deutschland vertrieben, wo sie als Vertriebene ankamen – ohne Wohnung, Arbeit oder Besitz. Dies stellte eine große Herausforderung für die Organisation in Deutschland dar. Die Vertriebenen wurden oft zwangsweise in Wohnungen anderer Familien einquartiert, was zu Konflikten führte.
Kriegsgefangene, Kollaborateure und die Zerstörung Europas
Allein etwa zwölf Millionen deutsche und verbündete Kriegsgefangene saßen in Lagern, vor allem in der Sowjetunion. Zudem gab es zahlreiche Kollaborateure, die mit den Besatzungsmächten zusammengearbeitet hatten. Diese Menschen wurden von der Bevölkerung, die sich von ihnen unterdrückt gefühlt hatte, gezielt verfolgt. Einzelne verstreute Soldaten wurden nach und nach gefasst und in Kriegsgefangenenlager gebracht.
In Osteuropa waren Städte und Gebiete teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Der Historiker Timothy Snyder bezeichnete diese Regionen als „Bloodlands“, in denen am Ende des Krieges kaum noch ein Stein auf dem anderen stand. Die große Armut und Not führten zur Verbreitung von Seuchen, Hungersnöten und Obdachlosigkeit. Die Infrastruktur der Staaten brach zusammen – Wasserversorgung, Eisenbahn, Post und Stromversorgung funktionierten nicht mehr. Dies führte zu einer intensiven sozialen Krise, die als „Zusammenbruchsgesellschaft“ bezeichnet wird.
Humanitäre Hilfe und wirtschaftliche Not
Humanitäre Organisationen wie die UNRRA versuchten, die schlimmste Not zu lindern, doch ihre Kapazitäten reichten nicht aus, um ganz Europa zu helfen. Die Währung brach weitgehend zusammen, und der Schwarzmarkt blühte auf. Zigaretten wurden als inoffizielle Währung genutzt, um andere Güter zu handeln.
Die Interpretation des 8. Mai 1945
Wie der 8. Mai 1945 interpretiert wird, ist eine komplexe Diskussion. Ist es eine Niederlage? Eine Befreiung vom Nationalsozialismus? Eine „Stunde Null“, nach der man neu beginnen kann? Oder der Beginn eines Wiederaufbaus – oder das Ende und die Katastrophe? Diese Fragen führten zu mythischen Erzählungen über das Datum.
Ein solcher Mythos sind die Trümmerfrauen, die angeblich Deutschland allein wiederaufbauten. Historisch ist dies nicht ganz korrekt, da viele Arbeiter auch Männer waren und die Trümmerfrauentrupps oft von Männern angeführt wurden. Dennoch hat sich dieser Mythos in Deutschland fest etabliert.
Der Begriff der „Stunde Null“ suggeriert einen Neuanfang, was jedoch eine Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit mit sich bringt. Für Historiker ist dies problematisch, da Geschichte nicht einfach „zurückgesetzt“ werden kann.
Bis heute ist die Diskussion, ob der 8. Mai eine Niederlage oder eine Befreiung war, in vielen Staaten nicht abgeschlossen. In Deutschland gilt der Tag seit Richard von Weizsäckers Rede 1985 als Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Doch für viele Kriegsgefangene und Veteranen, die den Krieg verloren hatten, war es zunächst eine katastrophale Niederlage.
In Russland wird der 8. Mai 1945 bis heute als Moment der Legitimation der kommunistischen Herrschaft gefeiert. Der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland dient der Sowjetunion und später Russland als Begründung für ihre Rolle als „Befreier“. Diese Inszenierung hält bis heute an, etwa in der aktuellen Debatte um die „Entnazifizierung“ der Ukraine.
Fazit und Mahnung
Wir haben heute über die Ausgangssituation in Europa 1945 gesprochen und Begriffe wie Zusammenbruchsgesellschaft, Flucht und Vertreibung kennengelernt. Diese Themen sind Teil des Bildungsplans für das dritte Halbjahr im Leistungsfach Geschichte in Baden-Württemberg.
Ich danke euch fürs Zuhören. Eine neue Generation ist in die politische Verantwortung hineingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah, aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es so lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen – gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit. Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.