Shownotes
Heute sprechen wir über die Dekolonisierung am Fallbeispiel Vietnam. Es geht unter anderem um
- Französisch-Indochina,
- Dekolonisation/Dekolonisierung, den
- Vietnamkrieg, die
- Unabhängigkeitsbewegung ("Viet Minh" und "Vietcong") und den
- Unabhängigkeitskrieg.
Transkript
Südafrikas Geschichte: Vom Kolonialismus zur Apartheid
What we have is the reality of a racist system which must be ended without delay. What compels us to act is the daily sight of black children who are dead when they should have been alive. We do not pursue goals that would result in some emerging as winners and others as losers. We strive to proceed in a manner and towards a result that will ensure all our people, both black and white, emerge as victors.
1990 hielt Nelson Mandela, ein Oppositionspolitiker aus Südafrika, diese Rede im Europäischen Parlament. Die letzten 40 Jahre hatte er im Gefängnis verbracht, doch trotzdem sprach er von Versöhnung, nannte seine Gegner anständige Männer und forderte zugleich einen radikalen Umbau seines Heimatlandes. Was war in Südafrika im Jahr 1990 los?
Um Südafrikas Geschichte zu verstehen, müssen wir eine Zeitreise in die Anfänge des Kolonialzeitalters unternehmen. Mitte des 17. Jahrhunderts gründeten Niederländer – damals eine große Seemacht – die erste Kap-Kolonie im heutigen Südafrika. Der Wettlauf um Afrika der europäischen Großmächte begann langsam an Fahrt aufzunehmen. Die Niederländische Ostindien-Kompanie, eigentlich eine private Handelsgesellschaft, errichtete diese Siedlung nicht mit dem Ziel, eine große Kolonie zu gründen, sondern als Proviant- und Reparaturstation für Handelsschiffe auf dem Weg von Europa nach Indien. Diese Schiffe mussten damals das Kap der Guten Hoffnung umrunden, da der Suezkanal noch nicht existierte.
Diese strategische Position machte den südlichen Zipfel Afrikas zu einem wichtigen Stützpunkt für den Welthandel mit Gewürzen und Stoffen. Bald erkannten die Europäer, dass mit menschlicher Ware noch mehr Geld zu verdienen war. Vom sogenannten Dreieckshandel habt ihr sicher schon gehört: Europa, Afrika und Amerika bildeten ein Dreieck über den Atlantik. Amerika, insbesondere die späteren USA und Südamerika, benötigte massenhaft Arbeitskräfte für Baumwollplantagen, Minen und Farmen. Da die indigene Bevölkerung durch Versklavung und Krankheiten stark dezimiert war, entwickelte sich ein neues Handelssystem.
Europäer brachten Waffen, Textilien und andere Waren nach Afrika und tauschten sie gegen versklavte Menschen ein. Viele afrikanische Stämme beteiligten sich an diesem Geschäft, überfielen verfeindete Gruppen und verkauften Gefangene an die Europäer. Diese Menschen wurden über den Atlantik in die Neue Welt verschleppt, vor allem nach Brasilien und in die USA. Wer die Überfahrt überlebte, wurde als billige Arbeitskraft auf Plantagen und in Minen ausgebeutet. Die Europäer erhielten im Gegenzug Zucker, Rohstoffe und andere Güter, die sie nach Europa brachten.
Südafrika war zwar kein Hauptumschlagplatz des transatlantischen Sklavenhandels, doch auch hier war Sklaverei weit verbreitet. Anfangs stammten die Sklaven vor allem aus Indonesien, Indien und Madagaskar, später auch aus Mosambik. Diese vielfältige Mischung aus Weißen, Schwarzen und Indern prägte die spätere Apartheid-Gesellschaft. Die Sklaverei bildete nicht nur das wirtschaftliche Fundament der Kolonie, sondern schuf auch eine extrem ungerechte und rassistische Gesellschaftsordnung, deren Folgen bis heute spürbar sind.
Der Wettlauf um Afrika und die britische Herrschaft
Wie ganz Afrika geriet auch Südafrika zunehmend unter die Kontrolle europäischer Mächte. Großbritannien, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Portugal, Spanien und Italien – alle wollten einen „Platz an der Sonne“. Im 19. Jahrhundert begann der sogenannte Scramble for Africa, der Wettlauf um Afrika, bei dem es nicht mehr nur um Handel ging, sondern um Land und politische Macht.
Zwischen 1850 und 1900 geriet der letzte Flecken afrikanischen Bodens unter europäische Herrschaft. Südafrika war 1650 von der Niederländischen Ostindien-Kompanie kolonisiert worden, doch um 1800 übernahmen die Briten die Kontrolle. Dies erklärt, warum heute noch viele Weiße in Südafrika Afrikaans sprechen – einen niederländischen Dialekt – und Englisch eine der verbreitetsten Sprachen ist.
Das Ende der Kolonialherrschaft und die Illusion der Unabhängigkeit
Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Selbstverständlichkeit kolonialer Herrschaft zu bröckeln. Das Osmanische Reich zerfiel, und in dem entstandenen Machtvakuum bildeten sich erste Unabhängigkeitsbewegungen. Ein Schlüsseldokument dieser Zeit waren die 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker forderten.
Südafrika erhielt zwischen 1926 und 1931 schrittweise Souveränität von Großbritannien und wurde formal unabhängig. Doch die Dekolonisation war damit nicht abgeschlossen. In den 1920er Jahren ging es politisch vor allem um die „Rassenfrage“ – das Verhältnis zwischen weißer und nicht-weißer Bevölkerung. Die schwarze, indischstämmige und „colored“ Bevölkerung gewann an Selbstbewusstsein, organisierte sich in Gewerkschaften und forderte politische Mitbestimmung. Die weiße Minderheit sah darin eine Bedrohung ihrer Privilegien.
Die Apartheid: Institutionalisierte Rassentrennung
1948 gewann die Nationale Partei mit dem Versprechen, eine strikte Rassentrennung – die Apartheid – einzuführen. Ihr Ziel war es, die Privilegien der Weißen zu zementieren. In den folgenden Jahren wurde die Apartheid durch Gesetze institutionalisiert:
- Der Population Registration Act (1950) teilte die Bevölkerung in rassische Kategorien ein.
- Der Group Areas Act zwang Schwarze in sogenannte Homelands oder Townships, während Weiße die besten Wohngebiete bewohnten.
- Der Bantu Education Act sorgte für eine minderwertige Bildung für Schwarze, die sie von qualifizierten Berufen ausschloss.
- Beziehungen und Ehen zwischen verschiedenen „Rassen“ wurden kriminalisiert.
Widerstand und der Kampf gegen die Apartheid
Die nicht-weiße Bevölkerung wehrte sich gegen diese Gesetze. Der African National Congress (ANC) wurde zur wichtigsten Widerstandsbewegung. Anfangs setzte der ANC auf gewaltfreien Protest, doch unter dem Druck der zunehmenden Unterdrückung radikalisierte sich eine Gruppe um Nelson Mandela. Sie mobilisierte die schwarze Mehrheit zum Widerstand, etwa durch gezielte Verstöße gegen diskriminierende Gesetze.
Die Regierung reagierte mit brutaler Gewalt. 1960 erschoss die Polizei in Sharpville 69 Demonstranten, darunter Kinder. Mandela rief daraufhin zum bewaffneten Kampf auf und wurde 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt. Obwohl er fast 30 Jahre auf Robben Island inhaftiert war, wurde er zum Symbol des Widerstands.
In den 1980er Jahren geriet das Apartheidregime unter internationalen Druck. 1990 begann Präsident Frederik Willem de Klerk mit Reformen und entließ Mandela aus dem Gefängnis. 1994 fanden die ersten freien Wahlen statt, bei denen Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Damit war die Apartheid als politische Praxis beendet.
Dekolonisation vs. Dekolonisierung: Ein langer Prozess
Formell war Südafrika seit 1931 unabhängig, doch die weiße Elite dominierte weiterhin Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Dekolonisation – die formale Unabhängigkeit – war abgeschlossen, doch die Dekolonisierung – die tatsächliche Befreiung von kolonialen Strukturen – zog sich noch Jahrzehnte hin.
Historiker unterscheiden verschiedene Modelle der Dekolonisierung: Revolutionen, Unabhängigkeitskriege, gewaltlosen Widerstand oder „Dekolonisierung von oben“. In Südafrika finden sich Elemente aller dieser Modelle. Der gewaltfreie Widerstand der 1950er Jahre, der bewaffnete Kampf des ANC, die internationale Ächtung des Regimes und schließlich die Reformen von oben prägten den Prozess.
Bewertung des Dekolonisierungsprozesses
Der Kampf gegen die Apartheid war erfolgreich – heute ist Südafrika eine Demokratie. Doch die wirtschaftliche Ungleichheit und Korruption zeigen, dass die Dekolonisierung noch nicht abgeschlossen ist. Im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern war der Prozess in Südafrika besonders langwierig und komplex, geprägt von brutaler Unterdrückung und vielfältigen Widerstandsformen.
Für den Geschichtsunterricht in Baden-Württemberg ist Südafrika ein mögliches Beispiel für Dekolonisierungsprozesse – neben Indien, dem Israel-Konflikt oder Vietnam. Je nach Unterrichtsschwerpunkt lohnt es sich, weitere Beispiele zu vertiefen.