Shownotes

Heute sprechen wir das Schwerpunktthema 2, die “Wege in die postindustrielle Zivilgesellschaft”, durch. Ich wünsche euch allen viel Erfolg beim Abitur!

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Wirtschaftlicher Aufschwung in West- und Osteuropa bis Anfang der 1970er Jahre

Willkommen bei geschichtslehrer.net. Heute beschäftigen wir uns mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in West- und Osteuropa bis Anfang der 1970er Jahre. Dieser Themenkomplex vergleicht vor allem die wirtschaftlichen Aspekte von Ost- und Westdeutschland.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Europa zwischen 1950 und den 1970er Jahren wird gemeinhin als Boom bezeichnet – eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Beginns des Zeitalters des Massenkonsums. Es geht wirtschaftlich bergauf, und die Menschen erleben einen zunehmenden Wohlstand. Dieser Boom wird auch als Wirtschaftswunder bezeichnet, das insbesondere mit der Ära Adenauer verbunden ist und unter der Devise „Wohlstand für alle“ in die soziale Marktwirtschaft überleitet.

Unter sozialer Marktwirtschaft verstehen wir eine Marktwirtschaft, die nicht nur nach Angebot und Nachfrage und kapitalistischen Grundsätzen funktioniert, sondern weiterentwickelt ist in Richtung eines Sozialstaats. Die Marktwirtschaft der BRD soll nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern auch verhindern, dass bestimmte Gruppen abgehängt werden. Es geht darum, das große Problem des Kapitalismus – die soziale Frage des 19. Jahrhunderts – zu lösen, etwa durch sozialen Wohnungsbau, Rentenreformen und weitere Maßnahmen, die den Sozialstaat prägen.

Als Sozialstaat bezeichnen wir eine Staatsform, in der der Staat wirtschaftlich unterstützend eingreift. Dahinter steht die Idee des Keynesianismus, eine Wirtschaftspolitik, die auf John Maynard Keynes zurückgeht. Der Keynesianismus besagt, dass der Staat die Wirtschaft mitsteuern soll: In Krisenzeiten soll er Aufträge vergeben, um Nachfrage anzukurbeln und Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Läuft die Wirtschaft gut, soll der Staat Steuern einnehmen und sich mit Investitionen zurückhalten, um einen finanziellen Puffer für zukünftige Krisen aufzubauen.

Dieses starke Wirtschaftswachstum in den 1950er und 1960er Jahren führt zur Vollbeschäftigung. Die meisten Menschen sind in Arbeit, und der Soziologe Helmut Schelsky spricht von der sogenannten nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Die Idee ist, dass die Bevölkerung in Deutschland im Wesentlichen dem Mittelstand angehört und es keine extreme Schere zwischen Bourgeoisie und Proletariat mehr gibt. Allerdings wurde diese Vorstellung später widerlegt, da die soziale Schere weiterhin auseinanderklaffte.

Der wachsende Wohlstand führt zur Konsumgesellschaft, in der der Konsum von Produkten einen hohen Stellenwert einnimmt. Bestimmte Haushaltsgeräte wie große Kühlschränke werden zu Symbolen dieser Zeit. Gleichzeitig gibt es Jugendliche, die sich gegen dieses spießbürgerliche Ideal wenden, etwa durch das Tragen von Jeans, langen Haaren oder das Hören von Rock ’n’ Roll.

In der DDR sieht die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Krieg anders aus. Hier wurde ein sowjetisches Wirtschaftssystem etabliert, das als Arbeiter- und Bauernstaat bezeichnet wird. Die Idee ist, dass der Staat von den größten Schichten – Arbeitern und Bauern – gelenkt wird. Wohlhabende Menschen wurden enteignet, und Firmen sowie große Bauerngüter wurden verstaatlicht – ein Prozess, der als Kollektivierung bezeichnet wird.

Die Wirtschaft wurde über eine Zentralverwaltungswirtschaft gesteuert, bei der der Staat zentral berechnete, was produziert werden sollte. Der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus spielte dabei eine Rolle, und die Planung erfolgte in Fünfjahresplänen. Diese Planwirtschaft erwies sich jedoch als ineffizient und führte zu zahlreichen Problemen, etwa zu Engpässen bei der Produktion, wie beim Trabant, einem Auto, das in den 1970er und 1980er Jahren in großer Nachfrage stand, aber aufgrund falscher Berechnungen nur in begrenzter Stückzahl verfügbar war.

Trotzdem erlebte auch die DDR in der Nachkriegszeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, da die Wirtschaft nach der tiefen Krise des Krieges nur bergauf gehen konnte. Der Schwerpunkt der DDR-Wirtschaft lag auf der Schwerindustrie, dem sogenannten Primat der Schwerindustrie. Dies umfasste Stahlproduktion, Maschinenbau und andere schwerindustrielle Branchen.

Die Einkommen in der DDR waren jedoch nicht an die Produktivität gekoppelt, da die Löhne zentral festgelegt wurden. Man spricht hier vom Versorgungsstaat, der seine Bürger mit allem versorgen wollte, ohne auf Angebot und Nachfrage zu setzen. Arbeitslosigkeit existierte offiziell nicht, da jeder Bürger ein Recht auf Arbeit hatte – was auch als Zwang zur Arbeit interpretiert werden konnte.

Widerstand und Protest in Ost- und Westeuropa

Der Umgang mit Widerstand und Protest in Ost- und Westeuropa bezieht sich einerseits auf die Niederschlagung von Aufständen gegen kommunistische Regime in der DDR, etwa den Aufstand des 17. Juni, den Ungarnaufstand oder den Prager Frühling. Andererseits geht es im Westen um den Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr, die 68er-Bewegung und den Wertewandel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschärfte sich zunächst der Kalte Krieg, doch nach Stalins Tod 1953 leitete sein Nachfolger Nikita Chruschtschow eine Phase der Entstalinisierung ein. Politische Gefangene wurden freigelassen, und die Gesellschaft wurde liberaler. Walter Ulbricht, der damalige Generalsekretär der DDR, versuchte jedoch, einen stalinistischen Kurs beizubehalten, was zu Spannungen mit Chruschtschow führte.

Am 17. Juni 1953 kam es in Ostberlin zu Massendemonstrationen mit fast einer halben Million Menschen. Die sozialistische Führung verhängte den Ausnahmezustand und schlug die Proteste mit Panzern nieder. Demonstranten wurden erschossen oder festgenommen, was zu einem erheblichen Legitimitätsverlust der SED führte.

Ähnlich verlief der Ungarnaufstand 1956. Nach Chruschtschows Geheimrede über Stalins Verbrechen kam es zu Massendemonstrationen für demokratische Reformen. Die Sowjetunion schickte die Rote Armee, um den Aufstand niederzuschlagen. Es gab Tausende Tote, und etwa 200.000 Ungarn flohen ins Ausland.

In der DDR führte die Fluchtbewegung zu einem Brain Drain, da vor allem junge, gebildete Menschen in den Westen abwanderten. Die DDR kriminalisierte diese Auswanderung als Republikflucht und versuchte, die Abwanderung durch den Bau der Berliner Mauer 1961 zu stoppen.

Im Westen formierte sich Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und die Stationierung von Atomwaffen. Protestbewegungen wie das Deutsche Manifest von 1955 oder das Göttinger Manifest von 1957 spiegelten diese Ablehnung wider. Die SPD kämpfte gegen den „Atomtod“, und es entstanden Bürgerrechtsbewegungen, die später in die Gründung der Grünen mündeten.

Die 68er-Bewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte, entstand ursprünglich in den USA als Protest gegen den Vietnamkrieg. Sie schwappte nach Westeuropa über und führte zu einem Wertewandel. Die junge Generation, die nach dem Krieg aufgewachsen war, stellte die autoritären Strukturen der Nachkriegszeit infrage und kritisierte die NS-Vergangenheit der Eliten.

Die Bewegung brachte neue politische Gruppen hervor, darunter die Frauenbewegung, die für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung kämpfte. Parolen wie „Mein Bauch gehört mir“ forderten das Recht auf legale Abtreibungen. Auch die Homosexuellenbewegung setzte sich für sexuelle Selbstbestimmung ein.

In Osteuropa entstand mit dem Prager Frühling 1968 eine ähnliche Protestbewegung. Unter Alexander Dubček versuchte die Tschechoslowakei, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ einzuführen. Die Sowjetunion unterdrückte diese Reformbestrebungen jedoch mit militärischer Gewalt und setzte die Breschnew-Doktrin durch, die Oppositionsbewegungen notfalls mit Gewalt niederschlug.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in den 1970er Jahren

In den 1970er Jahren zeichnete sich das Ende des wirtschaftlichen Booms ab. Die Arbeitslosigkeit stieg, und die Regierungen suchten nach Lösungen. 1967 erließ die Große Koalition das Stabilitätsgesetz (STABG), das eine keynesianische Wirtschaftspolitik verfolgte: Der Staat sollte in Krisenzeiten investieren und in Boomphasen Steuern erhöhen.

1973 verschärfte der Jom-Kippur-Krieg die wirtschaftliche Lage. Die arabischen Staaten erhöhten den Ölpreis, um Druck auf den Westen auszuüben. Dies führte zu einer Energiekrise in der Bundesrepublik, mit Maßnahmen wie Sonntagsfahrverboten. Die keynesianische Politik stieß an ihre Grenzen, da die Wirtschaft nicht mehr wuchs, die Preise jedoch stiegen – eine Situation, die als Stagflation bezeichnet wird.

Die Arbeitslosigkeit blieb hoch und wurde als Sockelarbeitslosigkeit bezeichnet. Die soziale Ungleichheit nahm zu, und es entstand die sogenannte Zweidrittelgesellschaft: Zwei Drittel der Bevölkerung blieben in Arbeit, während ein Drittel abgehängt wurde. Gleichzeitig vollzog sich ein Strukturwandel, bei dem die Schwerindustrie an Bedeutung verlor und Dienstleistungsberufe sowie die Digitalisierung aufkamen.

Als Reaktion auf diese Krise propagierten Wirtschaftswissenschaftler den Neoliberalismus, der eine Deregulierung der Wirtschaft und Privatisierung von Staatsbetrieben forderte. In Großbritannien setzte Margaret Thatcher diesen Kurs radikal um, während in Deutschland die soziale Marktwirtschaft weitgehend erhalten blieb.

Zusammenbruch des Ostblocks

1985 übernahm Michail Gorbatschow die Führung der Sowjetunion und erbte ein Land in der Krise. Der Strukturwandel hatte zu Innovationsdefiziten geführt, da die Planwirtschaft nicht mit den technologischen Entwicklungen des Westens mithalten konnte. Die Sowjetunion verschuldete sich, um soziale Wohltaten zu finanzieren, und der Rüstungswettlauf mit dem Westen verschärfte die finanzielle Notlage.

Es kam zu Versorgungskrisen und Umweltkatastrophen wie dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986, der die Legitimität der sowjetischen Führung weiter untergrub. Gorbatschow versuchte, mit Perestroika (Umbau des Sozialismus) und Glasnost (Transparenz) Reformen einzuleiten. Glasnost ermöglichte jedoch auch fundamentale Kritik am System, was die Herrschaft der Kommunistischen Partei weiter schwächte.

1988 verkündete Gorbatschow die Sinatra-Doktrin, die den Staaten des Warschauer Pakts erlaubte, ihren eigenen Weg zum Sozialismus zu wählen. Dies führte zu Reformbewegungen wie der Solidarność in Polen oder der Bürgerbewegung in der DDR. In der DDR formierte sich eine Ausreisebewegung, und 1989 kam es zur friedlichen Revolution, die zum Fall der Berliner Mauer führte.

In der Tschechoslowakei verlief die Samtene Revolution ähnlich friedlich, und Václav Havel wurde zum Präsidenten gewählt. Die DDR trat der Bundesrepublik bei, und der Ostblock brach zusammen. Obwohl dieser Prozess wirtschaftliche und soziale Probleme mit sich brachte, markierte er einen Sieg für Freiheit und Demokratie.